bis 2001

2002

2003

2005

2006

2007

   
 
 
bis 2001
 
 
1993
 
Nürnberger Nachrichten vom 30.04.1993
Feuilleton, Schleicher Fritz
Nachwuchs mit Karriere-Chancen
 
Nürnberger Meistersänger-Wettbewerb auf hohem Niveau - Sechs Sieger gewannen 31 000 Mark - Sonntag Konzert Nachwuchs mit Karriere-Chancen Nürnberger Meistersänger-Wettbewerb auf hohem Niveau - Sechs Sieger gewannen 31 000 Mark - Sonntag Konzert

Beim Nürnberger Meistersänger-Wettbewerb wurde gestern zum erstenmal seit Bestehen ein erster Preis vergeben. In der Endrunde im Opernhaus errang Evelyn Herlitzius die mit 10 000 Mark dotierte Trophäe. Einen zweiten Preis (7000 Mark) gewann die am Meistersinger-Konservatorium studierende Sopranistin Irmgard Vilsmaier. Insgesamt hatten 62 Bewerber teilgenommen.

Je einen dritten Preis (5000 DM) errangen Claudia Taha und Stefan Geyer; zwei Förderpreise (je 2000 DM) gingen an Renate Düerkop und Jonas Kaufmann.
Professor Konrad Richter (Musikhochschule Stuttgart), der Vorsitzende der internationalen Jury, lobte das hohe Niveau der künstlerischen Leistungen dieses zur Förderung des deutschen Sängernachwuchses ausgerichteten Wettbewerbs.

Richter gab zu, daß die sieben Juroren bei den ersten Durchgängen rigoros gesiebt hatten. Sieben Tage lang stellten sich die Kandidaten der Konkurrenz; für die Endrunde (mit Orchester) qualifizierten sich vier Sopranistinnen, ein Tenor und ein Bariton. Der Wettstreit der Finalisten gestern vormittag im Opernhaus geriet denn auch besonders spannend. Bühnen- und podiumsreif waren alle, einige sind bereits mit Anfängerverträgen in Theater-Engagements.

Die Siegerin Evelyn Herlitzius, 1963 in Osnabrück geboren, hat in einem Meisterkurs bei Birgit Nilsson Wagner gelernt. Sie sang Elsas Monolog "Einsam in trüben Tagen" mit dramatischer Strahlkraft und tragfähigem Piano, brachte in Beethovens Leonore auch lyrische Qualitäten ein.

Die mit dem 2. Preis ausgezeichnete Irmgard Vilsmaier, die jüngste der Endrunde (1970 in Dingolfing geboren) die in Nürnberg bei Barry Hanner studiert, wählte ebenfalls eine dramatische Wagner-Partie: die Hallen-Arie der Elisabeth. Mit üppiger Substanz und starkem Ausdruck gestaltete sie Wagner und Smetana (Marie).

Die weiteren Preisträger fielen im Standard nicht ab, die Wertungen mußten eng nebeneinander liegen. Mit anrührender Innigkeit sang Claudia Taha aus Karlsruhe die g-Moll-Arie der Pamina und die Agathe aus Webers "Freischütz". Der dritte Preis war wohl verdient. Ebenso für Stefan Geyer aus Ulm, der sich als Lied- und Oratoriensänger profilierte (Bach und Mahler).

Auch Renate Düerkop und Jonas Kaufmann, die "nur" einen Förderpreis erhielten, brauchen sich um ihre berufliche Zukunft keine Sorgen zu machen. Düerkop errang mit Strauss (Ariadne) und Verdi (Maskenball) viele Sympathien. Der Münchner Jonas Kaufmann kann sich im raren Tenorfach gute Chancen errechnen. Er spannte den Bogen von Mozart (Tamino) bis Donizetti (Nemorino).

Der Nürnberger Meistersänger-Wettbewerb aus privater Initiative (Leitung: Günther Hertel und Bernd Dietrich) gewinnt beim vierten Mal weiter an Attraktivität. Die sechs Sieger bestreiten das Abschlußkonzert am Sonntag, 2. Mai, 19.30 Uhr im Opernhaus. Es spielen die Nürnberger Symphoniker. F. S.
 
 
Nürnberger Nachrichten vom 04.05.1993
Feuilleton, Schleicher Fritz
Gala junger Stars
Konzert der Preisträger zum Meistersänger-Wettbewerb
 
Der Nürnberger Meistersänger-Wettbewerb genießt in der Fachwelt hohes Ansehen und erfreut sich bei den Musikfreunden in der Stadt großer Beliebtheit. Beim Schlußkonzert war das Opernhaus bis zum obersten Rang dicht besetzt. Auf der blumengeschmückten Bühne begleiteten die Nürnberger Symphoniker die sechs Preisträger beim Arienprogramm: eine Gala der jungen Stimmen.

Als Entdeckung feierte das Publikum mit dem weitaus stärksten Beifall die Sängerin, die von der Jury nur einen zweiten Preis bekommen hatte: die Sopranistin Irmgard Vilsmaier, die als angehende Wagnersängerin Furore machte. Mit 23 ist sie die jüngste der Finalisten. Am Freitag gewann sie auch noch den Drexel-Preis am Meistersinger-Konservatorium, wo sie seit drei Jahren bei Barry Hanner studiert.

Irmgard Vilsmaier sang die Hallenarie der Elisabeth aus "Tannhäuser" und die Arie der Marie aus der "Verkauften Braut". Für Wagner bringt Irmgard Vilsmaier nicht nur die opulente, strahlkräftige Stimme mit, sie vermittelt in der Intensität des Wortes szenische Vorgänge, Rollencharaktere. Bei der Elisabeth erregend damatisch, bei der Marie blühend lyrisch.
Wagner sang auch die Gewinnerin des 1. Preises, Evelyn Herlitzius. Elsas Traumerzählung aus "Lohengrin" kam spontan und visionär über die Rampe. Die 1963 in Osnabrück geborene Sopranistin hat nach einem Meisterkurs bei Birgit Nilsson in Flensburg den Gastvertrag für eine Wagnerpartie. Technisch sicher gestaltete sie auch die schwierige Arie der Beethoven-Leonore.

Zwei weitere Soprane fächerten das Opernrepertoire vielseitig auf. Claudia Taha (3. Preis) gewann die Sympathien der Hörer als Micaela und als Agathe. Renate Düerkop (Förderpreis) zeigte als Verdi-Sängerin beachtliches Talent. In Verdis Italianita konnte sich auch der Tenor Jonas Kaufmann (Förderpeis) entfalten. Der Bariton Stefan Geyer, der in der Kategorie Lied/Oratorium den 3. Preis gewann, sang Bach und Mozart.

Die raschen Wechsel der Stile von Arie zu Arie bewältigten die Nürnberger Symphoniker unter der Leitung von Klaus Rohra, der auf rücksichtsvolle Sängerbegleitung Wert legte.

Am Nürnberger Meistersänger-Wettbewerb, der zum vierten Mal (im Turnus alle zwei Jahre) ausgetragen wurde, hatten heuer 62 Bewerber teilgenommen (wir berichteten). Die Stimmqualität bei den sechs Preisträgern zeigte, daß es um den deutschen Opernnachwuchs gut bestellt ist.
Einen Mitschnitt des Konzerts sendet der Bayerische Rundfunk am 8. Mai, 20.15 Uhr in B 4.
 
 

1994

Saarbrücker Zeitung vom 14.09.1994

Am Regensburger Stadttheater, der Staatsoper und dem Gärtnerplatztheater...
 
Am Regensburger Stadttheater, der Staatsoper und dem Gärtnerplatztheater München gastierte er schon während seines Studiums. Als Jonas Kaufmann dann die Prüfungen zum Konzert- und zum Operndiplom an der Münchner Musikhochschule mit Auszeichnung bestanden hatte, boten mehrere Theater ihm Gastverträge an. Lukrativer als ein festes Engagement wäre das auf jeden Fall gewesen. Doch der lyrische Tenor kam zum Vorsingen nach Saarbrücken und hat jetzt einen Zwei-Jahres-Vertrag am Staatstheater, wo er zuerst als Remendado in "Carmen" auf der Bühne stehen wird.

Langfristig strebt der 25jährige zwar eine Karriere als freischaffender Sänger an, aber jetzt wünscht er sich noch Ruhe für seine Entwicklung. Dazu gehört für ihn die Möglichkeit, sich lange Zeit mit einer Partie zu beschäftigen, auch einmal Dinge auszuprobieren ("als Gast darfst du keine Fehler machen"). Und zur Kontrolle will er gelegentlich bei seinen früheren Gesangslehrern in München Stunden nehmen.

Ein Engagement an der Münchner Staatsoper hätte ihn dagegen wenig gereizt, obwohl seine Freundin weiter in München lebt. "An einem so großen Haus ist man als Anfänger das ganze Jahr nur Lückenbüßer, und wenn es einmal eine Chance gäbe, wird ein Gastsänger verpflichtet. Andererseits muß man an einem kleinen Haus zu viele große Rollen singen." Saarbrücken ist für Kaufmann die goldene Mitte - er fühlt sich weder verheizt noch aufs Abstellgleis geschoben.
J.H.
 
 
1997
"Schön singen reicht heute nicht mehr"
Zu Gast an der Oper: Jonas Kaufmann - der Tenor ist in der Rolle des Edrisi in "König Roger" zu sehen
Stuttgarter Zeitung, 05.11.1997, Krause_Bernd
 
"Es ist gar nicht so schwierig, als Musikstudent an kleineren Häusern Gastauftritte zu bekommen - man muß nur Tenor sein. Die kann man vielseitig verwenden. Außerdem sind Studenten weniger kostspielig." Jonas Kaufmann ist ein fröhlicher junger Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt und sich auch keine Illusionen macht. In der neuen Produktion "König Roger" von Karol Szymanowski, der ersten Opernpremiere dieser Spielzeit in Stuttgart, singt er die Rolle des Edrisi.

Nachdem er schon während seines Studiums in München oft kleinere Engagements hatte und danach zwei Jahre lang Mitglied an der Staatsoper in Saarbrücken war, wollte er nun eigentlich eine Karriere als freischaffender Künstler aufbauen. Doch Stuttgart hat ihn schwankend gemacht.

In Saarbrücken habe er alles singen müssen, fast ohne Rücksicht darauf, ob das seiner Stimme genutzt oder geschadet habe und ob die Partie sein Fach gewesen sei oder nicht, erzählt Kaufmann. Dort habe er gelernt, auch einmal "nein" zu sagen. "Aber wenn ich die Situation in Stuttgart sehe", sagt er nachdenklich, "wie man hier sorgfältig auf die Entwicklung einer Stimme achtet und genau auswählt, was zu ihr paßt, sie regelrecht pflegt - also da überlege ich mir schon, ob ein festes Engagement, jedenfalls an so einem großen Haus, nicht doch richtig wäre."

Aber weil er im März bei der Premiere von "Fidelio" in der Regie von Martin Kusej den Jaquino singen wird und beide Opern in der kommenden Saison wieder auf dem Spielplan stehen sollen, will es Jonas Kaufmann doch dabei bewenden lassen und sich dem widmen, was er schon an Angeboten hat. Das seien hochinteressante Offerten, meint er. Die aufregendste Rolle sei der Alfredo in "La Traviata" ***in der Regie von Giorgio Strehler am Piccolo Teatro in Mailand, mit dem man außerdem auf eine ausgedehnte Europatournee gehen werde.

Kaufmann legt großen Wert darauf, auch sein schauspielerisches Talent einsetzen zu können. "Schön singen reicht heute nicht mehr", so behauptet er, "das kann ich auch bei Konzerten. Dann brauche ich die Oper nicht mehr." Deshalb habe er auch stets gerne bei Operetten wie "Die lustige Witwe" und "Die Fledermaus" an der Wiener Volksoper gesungen, weil man in ihnen mehr Möglichkeiten habe, zu zeigen, was alles in einem steckt. Das gelte auch genauso für moderne Opern, wie eben "König Roger", an dem er mit dem größten Vergnügen arbeite.

Wie er denn an diese Rolle gekommen sei. "Das war komisch", erzählt Kaufmann. "Irgenwie hat Stuttgart von mir gehört, wir sind in Kontakt geblieben, und ich bin endlich zu einem Vorsingen für "Fidelio" gekommen. Dabei habe ich Generalmusikdirektor Lothar Zagrosek kennengelernt. Der hat gemeint, daß der Edrisi genau richtig für mich sei. So komme ich viel früher auf die Stuttgarter Bühne, als es geplant war. So spielt das Leben."Bernd Krause
(***da hat der Reporter wohl etwas verwechselt, richtig ist Ferrando in "Cosi fan tutte")
 
 
2000
"Er sprühte nur so vor Lebendigkeit"
Piccolo Teatro bei den Maifestspielen: Janet Perry und Jonas Kaufmann erinnern sich an die Arbeit mit Giorgio Strehler
Wiesbadener Kurier 13.05.00
 
KURIER-Redakteur Volker Milch: Mit Mozarts Oper "Così fan tutte" gastiert das Piccolo Teatro aus Mailand noch bis Sonntag bei den Maifestspielen. Die Inszenierung ist die letzte unvollendete Regie Arbeit des legendären Gründers des Piccolo Teatro, Giorgio Strehler. Der Regisseur, der 1996, aus Verärgerung über die Verzögerung des Neubaus, von der Leitung zurückgetreten war, kam 1997 als "künstlerischer Bevollmächtigter" an das Piccolo Teatro zurück. Mit "Così" sollte 1998 kurioserweise der Neubau eines Sprechtheaters eröffnet werden. Strehler hatte ein Faible für Mozart. Am 25. Dezember 1997 erlag er vor dem Abschluss der Proben einem Herzinfarkt.

Für die Sopranistin Janet Perry ist es nicht ganz einfach die Despina so durchzuhalten, wie Giorgio Strehler sie in seiner Inszenierung von Mozarts "Così fan tutte" sich wünschte: eine "bodenständige Frau", eine waschechte, wuchtige Neapolitanerin. Eine "Furba" wohl, würde man sie auf Italienisch nennen, eine schlaue gewiefte Person also, "aber nicht boshaft" wie die Sopranistin versichert. Mit dem schlauen Personal des Opern Repertoires, mit den Despinas und Susannas, hat Janet Perry viel Erfahrung, ob in Mailand, Wien oder Salzburg. Aber die Intensität von Strehlers Arbeitsweise, erzählt sie jetzt vor der ersten Wiesbadener Vorstellung am Freitag, könnte sie wohl nur mit der Jean Pierre Ponnelles vergleichen. "Auch ein Tyrann", sagt sie lachend, der keine Rücksicht auf Kosten nahm. Auch mit Ponnelle hatte sie das Kammermädchen erarbeitet, aber mit ganz anderem Ergebnis: "typisch französisch, leicht und kokett" eher die Schwester von Dorabella und Fiordiligi. Eine Inszenierung als unvollendeter Nachlass: Eine merkwürdige Situation sei das schon für die Sängerinnen und Sänger dieser Produktion. "Was hätte er getan?" würde man sich ständig fragen, sagt Janet Perry. Ein paar Wochen haben sie Strehlers Arbeit noch erlebt, dann der Schock seines Todes und die Frage wie mit dem skizzenhaften "Vermächtnis" umzugehen sei.

Mittlerweile wurde Strehlers "Così" über 80 Mal gegeben, in Mailand und auf Tourneen. Zur Premierenbesetzung Januar 1998 gehörte auch der junge deutsche Tenor Jonas Kaufmann der den Ferrando sang. Begeistert erzählt er von Strehlers Arbeit. "Ein ungeheures Energiepotenzial" habe er gehabt "vor Leben gesprüht" sich mit 76 Jahren während der Proben auf die Knie geworfen. Ein Extremist und Perfektionist des Theaters. Extrem aufwendig das Casting: rund 500 Vorsingen gab es für sechs Rollen. So etwas sei in einem normalen Theaterbetrieb überhaupt nicht denkbar. Bereits die erste Probe musste in Kostümen und Bühnenbild stattfinden. Und eigentlich habe sich Strehler für die beiden Liebespaare jüngere Sänger gewünscht, erzählt der 1969 geborene Kaufmann lachend, am liebsten hätte er Interpreten unter 20 gehabt. Er selbst sei Strehler als Ferrando eigentlich schon zu alt gewesen. Kurios, dass kein Italiener im Ensemble war. Strehler wollte wohl das italienische Agenten System umgehen. Bevor es zum eigentlichen Probieren kam, erinnert sich Kaufmann, habe Strehler sehr viel gesprochen, informiert, erklärt, bis man als Sänger ungeduldig wurde und ihn anflehte: " Lass es uns endlich machen". Die Kreativität der Sänger in ihren Rollen habe Strehler enorm gefördert gegen automatische Gesten gearbeitet. Jonas Kaufmann erinnert sich noch gut wie aufgeregt Strehler während seiner letzten Probe war als das Finale fehlte: " Er musste das unbedingt fertig stellen" als habe er gespürt, dass ihm keine Zeit blieb zur Vollendung der Inszenierung. Nach dem als Schock erlebten Tod sagt Janet Perry "war es sehr schwer sich wieder zu sammeln". Schließlich hat sich das Ensemble bei der Ausarbeitung der Inszenierung auf Strehlers Assistenten Stab verlassen, auf Mitarbeiter, die die Arbeit des Meisters teilweise seit 40 Jahren kannten. "Mit Demut" habe man weitergearbeitet. Eine "erotische Oper" keine "Farce der Schwachsinnigen" war "Così" für Strehler. "Una cosa seria. Vera" wie er in einem Gespräch sagte, eine ernsthafte wahre Angelegenheit. Aber "sehr heiter" würde es denn doch zugehen auf der Bühne verspricht Janet Perry "sie werden sehen".
 
 

 
 
  www.jkaufmann.info back top