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Opernwelt, März 2003
ZÜRICH
Mozart: Idomeneo
Die neue Zeit
Er ist bloß noch das Fragment eines Herrschers, eines Helden, mit amputierter linker Hand, aber in Teile einer Rüstung gekleidet: König ldomeneo ist ein Schatten seiner selbst. In Kreta ist während der zehn Jahre seiner Abwesenheit eine neue Generation herangewachsen, die andere, zwischenmenschliche Werte in den Vordergrund stellt; in Kreta lebt eine multikulturelle Gesellschaft von Einheimischen und Asylanten, und der heimkehrende ldomeneo, der sich noch auf Gelübde wie Menschenopfer stützt, um so sein nacktes Leben zu retten, findet sich nicht mehr zurecht. Dies alles ließ sich allein aus den unspektakulären, aber in ihrer Schlichtheit sehr wohl lesbaren Kostümen und aus den wenigen trümmerartigen Versatzstücken sowie aus den großformatigen Stoffprospekten schließen. Die Personenregie von Klaus Michael Grüber und Ellen Hammer trug hier allenfalls ein Minimum bei. Wie hilflos sich dabei die Bewegungsregie äußerte — war es Zurückhaltung oder Einfallslosigkeit? —‚ zeigte sich zumindest in der stellenweise ungelenken Führung des Chores, der sich allerdings musikalisch hervorragend präsentierte.

Die ebenso feine wie unspektakuläre Zeichnung der Protagonisten hatte in der musikalischen Interpretation ihre Entsprechung. Obschon über zwanzig Jahre vergangen sind, dürfte manchen im Publikum die spektakuläre Inszenierung von Ponnelle und Harnoncourt noch vor Augen gestanden und im Ohr geklungen haben. Wie überaus anders, wie lyrisch und farbenreich zeichnete Christoph von Dohnányi Mozarts Musik! Man kann seinen Ansatz als Mittelweg zwischen historischer Akzentuierung und einem lyrischen Ansatz bezeichnen. Historische Instrumente werden denn auch nur partiell (z. B. Posaunen) verwendet. Ilias Arie «Se il padre perdei» kann für die gesamte musikalische Interpretation Modell stehen: Dohnányi lässt Malin Hartelius Zeit zu verweilen, lässt ihre lyrischen Qualitäten, ihre leise, aber überaus ausdrucksstarke, in feinen Nuancen emotionale Wechsel nachzeichnende Linien klingen, lässt ihr die Freiheit, in der Reprise größere Intervalle auszuzieren (wenige nur wagen dies bei Mozart — und wem gelingt es zudem?), dies alles bei einer brillanten Bläserleistung des Orchesters. In dieses « Konzept» der lyrischen Zurückhaltung gehört auch die Zeichnung von Elettra (Luba Orgonasova), die in ihrer Verbitterung nicht zur Furie wird — auch ihre Zeit ist zu Ende, darin äußert sich ihr Leiden.

Leiden ist denn auch das Stichwort für ldomeneo:
Jonas Kaufmann verleiht dem Einzelwort, der einzelnen Figur Bedeutung, gleichzeitig aber auch den Koloraturen kompakte Gestalt. Das musikalische Detail zu pflegen und die weiten Bögen zu atmen, das ist Kaufmanns Kunst des Liedsängers auf der Bühne, eine seltene. Anrührend, beinahe spitzbübisch und zugleich unsicher, das ist die reizvolle Mischung, die Liliana Nikiteanu als Idamante in Varianten auslebt, ebenso Variantenreich und agil klingt ihre Stimme. Insgesamt eine ebenso anrührende wie prägende musikalische Deutung, vor allem getragen von dem wunderbar abgestuften stimmlichen Quartett.
Dass in diesem Konzept die Figur des Arbace gestrichen ist, lässt sich zwar erklären: Nicht ein mythisches Spiel von Macht und göttlichem Ausgeliefertsein, sondern der politische Wechsel und ein neues zwischenmenschliches Verständnis will die Inszenierung zeigen. Trotzdem stellt dies einen bedenklichen Eingriff dar, zumal in der Personenführung Grübers Deutung zu wenig deutlich bleibt.
Hanspeter RenggIi

Mozart: Idomeneo.
Premiere am 12. Januar 2003. Musikalische Leitung: Christoph von Dohnányi, Inszenierung: Klaus Michael Grüber und Ellen Hammer, Bühnenbild: Gilles Aillaud, Kostüme: Eva Dessecker, Chor: Ernst Raffelsberger. Solisten: Jonas Kaufmann (ldomeneo), Liliana Nikiteanu (ldamante), Malin Hartelius (llia), Luba Orgonasova (Elettra), Christopher Hux (II Gran Sacerdote) u. a.
 
'LA TRAVIATA'
AT THE CIVIC OPERA HOUSE
Chicago Sun-Times, March 7, 2003

Lyric Opera has presented many truly memorable productions of Verdi's "La traviata," beginning in 1954 with the legendary Maria Callas, and continuing through the 1998-99 season, with sopranos Andrea Rost and Ruth Ann Swenson alternating as the tragic heroine.

But the second cast of this year's revival, which bowed Wednesday night, is unlikely to join this list. Though an improvement over the emotionally inert Alexandra von der Weth, who sang the role earlier this season, Italian soprano Patrizia Ciofi seemed miscast as the doomed Violetta (which marked her American debut). Her voice, while sweet and laser-like, struggled to fill the cavernous Civic Opera House, resulting in a sometimes brittle top register. However, Ciofi compensated with her excellent technique, whether soaring through the coloratura fireworks of Act 1's "Sempre libera," or softly contemplating her last moments in Act 3's "Addio del passato."

As her lover Alfredo, German tenor Jonas Kaufmann sang admirably but directed most of his ardor at the audience, instead of Ciofi. As Germont, American baritone Kim Josephson, recently seen here in "A View From the Bridge," barked through his role like a Parisian Eddie Carbone.

 
THE ARTS: Munich tenor sparkles on Wigmore stage
By David Murray, Financial Times
Published: Apr 15, 2003
Auszug:
Jonas Kaufmann, appearing at the Wigmore in William Lyne's splendid valedictory Director's Festival, was unruly and special. In his first half, with Schumann's Kernerlieder and the Dichterliebe cycle he sounded like a high baritone - but he took the high A in "Ich grolle nicht" to frantic effect where for years genteel Wigmore baritones have chosen the lower option and left their accompanists to rise to the climactic phrase instead. All his Schumann was riveting: acute intelligence, every phrase carried straight through and meaningful.
After the interval, he displayed not only clear, open, expressive Italian in Liszt's three "Petrarch Sonnets", but subtle and searching commitment (much aided by Helmut Deutsch's accompaniments) - and also a true operatic-tenor sound, properly scaled down for Petrarch's sentiments. He opened it up for his final Strauss group, alert and penetrating, and choosing to be warmly intimate for "Breit über mein Haupt". In some other Strauss songs, and in his encores, he displayed some extrovert, artful comedy-acting. He is a notably interesting artist and performer, and there are encouraging rumours that he will sing Lensky at Covent Garden before long.
© Copyright The Financial Times Ltd
 
Berlioz "La Damnation de Faust" in Genf
"Der französische Regisseur Olivier Py und der Bühnengestalter Pierre-André Weitz haben eine aufregende, weil zugleich aufstachelnde wie zauberhaft-phantasiereiche Inszenierung geschaffen.Ihnen standen mit dem jungen Dirigenten Patrick Davin, insbesondere aber mit Jonas Kaufmann (Faust), José van Dam (Mephistophélès) und Katarina Karnéus (Marguerite) zwei Interpreten und eine Interpretin zur Seite, die für einmal den Euphemismus der Idealbesetzung zulassen. Der junge deutsche Tenor Jonas Kaufmann, der im Winter in Zürich als Idomeneo zu begeistern wusste, verbindet die ihm ohnehin nahe stehende lyrische Verinnerlichung mit einer byronschen Expressivität, wie sie junge Sänger selten zu formen wissen.Die tiefe emotionale Gestaltung durch die drei Sänger erfährt nun aber auf einer zweiten Ebene eine tänzerisch-mimische Auslegung. Elf Tänzerinnen und Tänzer interpretieren Fausts Betrachtungen über die Natur und die Gesellschaft mit assoziativen Bildern aus der Schöpfungsgeschichte, aus der Passion Jesu, aber auch aus aktuellen Bildern von Gewalt und Krieg."
 
 
Van Dam retrouve Méphisto
Nicolas Blanmont, envoyé spécial à Genève
"La Damnation de Faust" au Grand Théâtre de Genève.Deux Belges en tête d'affiche, Patrick Davin... et une mise en scène qui provoque mais sait aussi faire sens.

Ce n'est pas par hasard que Berlioz a finalement donné à sa "Damnation de Faust" l'appellation de "légende dramatique" et non d'opéra, et que l'oeuvre est presque aussi souvent donnée en forme concertante qu'en version scénique: la réputation d'ouvrage impossible à monter n'est pas usurpée, et chaque production vient rappeler à quel point il est difficile de trouver une cohérence dramatique à cette suite de tableaux disparates.

Entre l'intimiste et le grandiloquent, entre le kitsch et le figuratif, les écueils sont nombreux.

Cinématographique
Pour sa nouvelle production, le Grand Théâtre de Genève a fait appel à l'auteur et metteur en scène Olivier Py, qui avait déjà fait sensation voici quelques mois sur les bords du lac avec des "Contes d'Hoffmann" quelque peu provocateurs. Sans surprise, le scandale est à nouveau au rendez-vous pour cette "Damnation": tout en étant marquée par une grande intelligence, la lecture du Français tombe en effet plus d'une fois dans l'excès à force de vouloir à tout prix aligner des images fortes. Son travail porte moins sur la direction d'acteurs et la caractérisation des personnages, brossés ici à gros traits, que sur l'articulation et l'illustration des scènes chorales et instrumentales: les airs solistes apparaissent ainsi comme autant de respirations bienvenues dans une mise en scène extrêmement spectaculaire, souvent plus cinématographique que théâtrale.

Parfois gratuite, la provocation peut être également porteuse de sens: ainsi, ce n'est pas sans logique que le chant de la fête de Pâques au début de la deuxième partie est amené par une crucifixion représentée sur la célèbre marche hongroise, car on crée ainsi une transition entre deux scènes que rien, sinon, ne relie (Berlioz avouait lui- même n'avoir situé son premier tableau dans une plaine de Hongrie que pour le plaisir d'y faire entendre une musique typique).

Mais si une partie du public proteste, parfois non sans humour (on entend crier "de Py en Py"), c'est qu'à l'image du Christ - nu - se surimprime celle de Saint-Sébastien, l'ensemble de la mise en scène étant connoté d'une très militante esthétique gay pride.

Van Dam en drag queen
A l'évidente dimension religieuse du livret, Py mêle tout au long du spectacle l'aspect sexuel: la chanson de Brander et le "Requiescat" qui suit sont dansés par des hommes en tutu, Méphisto (qui apparaît comme un mélange entre Nicholson dans "Batman" et Mastroianni dans "Ginger et Fred") chante l'air de la puce avec perruque et robe de vieux travesti, Marguerite est une vierge à l'esthétique gothique que l'on voit en plein infanticide (c'est chez Goethe, mais pas chez Berlioz qui n'a gardé que le parricide) et, on l'aura compris, le pandémonium final est tout sauf un ballet d'enfants de choeurs.

Dans ce foisonnement qui rend à tout le moins justice à la dimension baroque (au sens non musical du terme) de l'oeuvre, la musique garde ses droits. Patrick Davin conduit l'Orchestre de la Suisse Romande et les choeurs avec une impressionnante maîtrise, mais aussi avec un lyrisme très abouti. José Van Dam reste un Méphistophélès superbe par sa présence et son raffinement (magnifique legato), même si le grave s'efface peu à peu.

Egalement sur le plateau, la très solide Marguerite de Katarina Karneus, et surtout l'extraordinaire Faust de Jonas Kaufmann, qui a encore bonifié depuis sa prise de rôle à la Monnaie voici un an: peu sont capables aujourd'hui d'assurer ce rôle avec ce mélange d'aisance, d'élégance et d'assurance.
© La Libre Belgique 2003
 
Neue Züricher Zeitung
"Als Kontrast dazu breitet die Produktion eine Reihe grandioser, überaus wirkungsvoller Tableaus aus. Olivier Py, der Autor, Schauspieler, Regisseur, Filmer, und sein kongenialer Ausstatter Pierre-André Weitz arbeiten zunächst und in erster Linie mit Raum und Licht. Da hebt sich einmal die gesamte Unterbühne und lässt in monumentaler Langsamkeit eine weitere Ebene des Spiels aus den Tiefen des Bodens heraufsteigen, da wird ein anderes Mal die Bühne nach hinten hin geweitet und zugleich scharf in die Perspektive geführt, so dass die Darsteller wie vergrössert erscheinen. Und sehr speziell die Lichtführung, die den in der Oper so fest etablierten Verfolgungsscheinwerfer kaum einsetzt, die Figuren vielmehr oft im Halbdunkel agieren lässt, dafür aber die Räume mit ausgeprägter Atmosphäre versieht. Ungewöhnlich auch die üppige Verwendung von Bühnenfeuer; immer wieder dieses Flackern, das von der Omnipräsenz des diabolischen Méphistophélès zeugt. Von untergeordneter Bedeutung ist in dieser Inszenierung die Ausgestaltung der einzelnen Figur. Frédéric Caton singt die grosse Arie des Brander mit kräftigem Ansatz, bleibt aber dennoch blass. Und Katarina Karnéus verfügt stimmlich wie darstellerisch über zu wenig Freiheit, um die in der Partie der Marguerite angelegte Sinnlichkeit wirklich über die Rampe zu bringen. Jonas Kaufmann dagegen ist ein Faust, dem man die Depression weniger glaubt als der Wille zum Handeln, und sei es der zur Selbstzerstörung; aber auch dieser junge deutsche Tenor bleibt in der Darstellung gehemmt, und zudem zeigt er Schwierigkeiten in der Aussprache des Französischen. Für die Überraschung der Produktion sorgt José Van Dam, ein mit allen Wassern gewaschener Méphistophélès; auch wenn er stimmlich den Zenit längst überschritten hat (und in der zweiten Aufführung noch durch eine Halsentzündung behindert wurde) - was dieser Sänger-Darsteller aus seiner Partie macht, steht für ein ganzes Künstlerleben" (P.Hagmann)
 
Die Entführung aus dem Serail, Salzburg 2003
By PAUL GRIFFITHS for the New York Times:
Also continuing to the last week of the month is a work by Mozart, "Die Entführung aus dem Serail." The young Norwegian director, Stefan Herheim, was flown back by the festival to "correct" his production before the performance last Sunday. Bravely he agreed not only to do that but also to face some stiff remarks at a public forum after the show.

The noisier demonstration, though, came part way through. In response to a scene in which Osmin wiggled his naked behind to the audience - though only on television - some people began booing and bellowing and would not be stopped until implored to do so. But how many recent Salzburg productions must these people have missed, to be outraged by a bare bottom?

Although Mr. Herheim plainly did want to shock, he had a lot to reveal about the Mozartian matters of couples' responsibilities, to each other and to whatever they take for higher powers. The four lovers - Iride Martinez as Konstanze, Diana Damrau as Blonde, Jonas Kaufmann as Belmonte and Dietmar Kerschbaum as Pedrillo - were all fresh and spirited, and Peter Rose, as Osmin, did even more with his menacing and beautiful voice than with other parts of his body. In the pit Ivor Bolton conducted the Mozarteum Orchestra in a keen performance, detailed, finely phrased and whole. Here was another composer who, like Mr. Henze, knew how to enjoy himself.
 
ARTS: Die Entführung aus dem Serail, Salzburg Festival
By Richard Fairman, Financial Times
Published: Aug 07, 2003
Some opera companies will tell you there is no point in having a half-bad production any more. If they land a real stinker, at least they can wear it as a badge of pride.

This year's Salzburg Festival has acquired a very large badge. It is called Die Entführungaus dem Serail, though it bears only a passing resemblance to Mozart's opera of the same name. The producer, Stefan Herheim, has had ideas and somebody needs to tell him not to let it happen again.

In this version a naked young couple emerge from the shadows to learn of the trials and tribulations of love. Belmonte auditions for a top-hat-and-cane song-and-dance routine. Blonde loves her washing machine and bakes a wedding cake. Osmin goes on television and does a striptease during a Punch and Judy show. The black and white minstrels put in an appearance.

Trust me - you don't want to know any more. Herheim thinks he has a meaningful lesson to impart about human fidelity. All the audience learns is not to waste its money on a witless show such as this again. One felt sorry for Jonas Kaufmann, a good young tenor trapped in an uncongenial role as Belmonte, who copped much of the audience's displeasure. The Costa Rican soprano Iride Martinez is a find, technically flawless and elegant as Konstanze. Diana Damrau's Blonde and Dietmar Kerschbaum's Pedrillo make a bright supporting couple and Peter Rose deserves a bonus for not only singing Osmin so well, but undergoing numerous indignities with such good humour. Thankfully, the music was in the safe and joyous hands of conductor Ivor Bolton and the stylish Mozarteum Orchester Salzburg.

When this run of performances is over, they should all creep off to a big empty garage somewhere, away from the booing, catcalls and Herheim's inanities, and perform the opera for themselves just to feel how heavenly Mozart can still be. It is a good cast and do not deserve this. www.salzburgfestival.at

© Copyright The Financial Times Ltd
 
Alles aus Liebe
Junge Leute greifen nach Mozart: "Die Entführung" von Ivor Bolton und Stefan Herheim in Salzburg
Berliner Zeitung - Klaus Georg Koch
Weiß der Himmel, wie diese Produktion in diese Salzburger Festspiele hineingeraten ist. Vorbereitet war niemand auf ein solches Ereignis, am wenigsten das Salzburger Eröffnungspremierenpublikum, das, obwohl gelegentlich durchaus zu einem Lachen verführt, am Ende brüsk den Saal verließ. Das Stammpublikum mag es, wenn ihm sein Stück auf ungefähr immer gleiche Weise die Hand auf den Arm legt und dabei lächelt. Es ändert sich so viel in der Welt und droht sich zu ändern, da will man sich auf Mozart verlassen. Am Sonntag aber hatte das Publikum ansehen müssen, wie ein Regisseur und ein Dirigent gleichermaßen befeuert sich seines Stückes bemächtigten. Es schien, als erdrücke der Regisseur dieses Stück mit seiner Liebe. Er riss es in Teile in kannibalischer Liebe. Er setzte es wieder zusammen, er gab sogar noch etwas hinzu, erzählte ihm etwas Neues, Verrücktes über es selbst, alles aus Liebe. Und nicht weniger beherzt und Besitz ergreifend griff der Dirigent in das Stück.
Wo üblicherweise die Alternative lautet: "Die Regie war schrecklich, aber die Musik war schön", und "Regisseur und Dirigent verfolgten das gleiche Ziel", ist allein schon die siegesgewisse Selbstständigkeit der Handelnden bemerkenswert. Stefan Herheim, der Regisseur, wollte nicht selten durch Bilder überwältigen, und seine Darsteller hatten viel zu tun. Aber nicht weniger schien es, als hätte Ivor Bolton von den Sängern mit seinem Dirigat Besitz ergriffen. Er überfuhr sie geradezu mit seiner Musik, jedenfalls in den eröffnenden Passagen, als Jonas Kaufmann in der Rolle des Belmonte mit seiner schweren, für einen Mozart-Tenor womöglich zu schweren Ansprache des Tons kaum einen Weg fand, ins Tempo einzusteigen, und auch der vorzügliche, so klangreiche wie bewegliche Peter Rose als Osmin wurde von der Dynamik des Orchesters überrollt. Bolton ließ das Mozarteum-Orchester körnig musizieren, in der Ouvertüre nur auf die Figuren und Bewegungsimpulse hin, auf Kosten ein wenig der harmonietragenden Mittelstimmen, später wie einen Körper vor allem aus Muskelfleisch und Sehnen, unter starker Betonung der harmonischen Abstoßungspunkte. Es war dies ein lustvolles, die Glieder des musikalischen Satzes sinnlich abbildendes Spiel, das man lieber eigentlich nur mit den klanglich raffinierten Wiener Philharmonikern erlebt hätte, gerade weil Bolton ein so fabelhafter Dirigent für die vorromantische Oper ist und beispielhaft mit Orchestern zu arbeiten versteht.
Außerordentliche Momente musikalischer Kommunikation erzielte Bolton namentlich mit den Sängerinnen der weiblichen Helden, Iride Martinez in der Rolle der Konstanze, Diana Damrau in jener Blondchens. Man darf sich das vorstellen wie in der klassischen Skulptur: Bolton entwickelte die musikalischen Formteile weniger in ihrer sprachlichen Logik, nach der der klassische Satz üblicherweise beschrieben wird, sondern nach körperhafter Ausdehnung und Bewegungspotenzial. Die Musik entfaltete sich frei in der Zeit, so wie die Skulptur im Raum, und der glückliche Eindruck entstand, die Figuren existierten nicht mehr in der Gestalt ihrer Darstellerinnen, sondern leibhaftig im Gesang.
Diese Art der Körpererfahrung, vielleicht müsste man auch sagen: Auflösung und Neukonstitution von Körpern durch Erfahrung, lag nun wiederum ganz im Sinn der Regie. Diese hatte sich vorgenommen, das Thema der Liebe und der Treue aus der "Entführung" herauszuarbeiten, nicht durch Anschlag szenischer Thesen, sondern durch Spiel. Zu diesem Zweck werden die Regeln ein wenig verändert: Die Sprechrolle des Bassa Selim wurde aufgelöst, umgewandelt in ein übergeordnetes Moment der Reflexion, das allen Teilnehmern gemeinsam zugänglich ist. Der Text dieser Rolle wird verteilt, ein als Conférencier auftretender Pedrillo kann ihn ebenso übernehmen wie Blonde in der zweiten Szene des zweiten Akts, wo sie Konstanze ohnehin zur Rede stellt, der Rest fällt dem Aufseher des Osmin zu, der als Antagonist der Liebenden noch einmal aufgewertet wird. Ebenso wie Selim wird der bei Mozart spielbestimmende Systemgegensatz zwischen christlichem Abendland und moslemischer Türkei in etwas Allgemeineres verwandelt: Die Teilnehmer des Spiels um die Liebe haben nun jederzeit die Möglichkeit, selbst das Gegenteil ihrer jeweiligen Empfindungen, Hoffnungen, Überzeugungen zu erfahren oder anzunehmen.
An der Chronologie von Mozarts "Entführung" wird damit nichts verändert. Im Gegenteil, so hingebungsvoll wurde die Geschichte zwischen den musikalischen Eckpunkten dieses Singspiels vermutlich selten ausgestaltet. Der volkstümlichen Herkunft der Gattung entsprechend, gibt es viele Passagen, die wirken wie Stegreifspiel, das sich von den Stichwörtern und Motiven des Textes anregen lässt. Vieles, was dabei mutwillig naiv wirkt, steht im Sprechtext der Partitur, auch dort ist der Weg von der "Leiter" zur "Leiterin" nur kurz. Häufig wird hier in einer Art von Trivialitätsabwehr gekürzt. Bei Herheim wird dagegen Triviales weiter trivialisiert - momentan durchaus auch mit quälendem Effekt; zum Ernst der musikalischen Partien entsteht oft aber eine ungeheure Spannung, die die Wirkung vieler Arien ganz bestürzend steigert.
Letztlich gehört die Erfahrung des Trivialen zum Sinn dieses Spiels. Das Thema der Liebesverhältnisse wird hier einmal entschlossen aus der Sicht einer jüngeren Generation ergriffen, die Protagonisten der Oper, als Bräute und Bräutigame aufgemacht, finden sich häufig in Gesellschaft Gleichaltriger wieder, viele Szenen dieser "Entführung" sind als Stationen einer Hochzeitsparty gestaltet. Angriff und Abwehr, Überlistung und Probe, die bei Mozart vom Konflikt der Kulturen überformt erscheinen, sind bei Herheim nun Grundhaltungen im Spiel der Geschlechter unter- und miteinander. Trivialität und Idealität, Thrash und hoher Ton, Palast und weiße Ware auf dem Hochzeitsgabentisch sind hier, neben den Illusionsgebilden der hologrammartigen Bühnenbilder, nicht nur ästhetische Eigenschaften eines Inszenierungsstils, sondern Merkmale der Lebenswelt dieser Generation, die in ihr Selbstverständnis eingehen. Nicht zuletzt die musikalischen Formen Mozarts, die Arien und Ensemblesätze erhalten eine Funktion im System der Selbsterfahrung und der aufgedrängten Rollenbilder, in das die jungen Liebenden eingebunden sind, zwischen Zwangsalbernheit und gelebtem Ernst, zwischen dem Wunsch, etwas auszuprobieren und der gesellschaftlichen Verpflichtung, in jeder Lage gut auszusehen. Als Opernproduktion ist das komplex, gewiss, und vielen Zuschauern ist es zu kompliziert erschienen. Vermutlich haben sich Regisseur und Dirigent, die Festspiele überhaupt um den Premierenerfolg gebracht, weil sie die Inszenierung in einer um etliches zu langen Studienform präsentierten, vor allem im dritten Akt schreiben Dirigent und Regisseur ihre Methoden einfach fort. Wie sich da aber Leute von der Oper haben ergreifen lassen und ihr eigenes Leben in sie hineingetragen haben, das führt endlich einmal weit über die Weisheiten geläufiger Operninszenierungen hinaus.
Die Entführung aus dem Serail // Musikalische Leitung: Ivor Bolton, Inszenierung: Stefan Herheim, Bühne und Kostüme: Gottfried Pilz, Video: fettFilm; Momme Hinrichs, Torge Moeller Darsteller: Iride Martinez (Konstanze), Diana Damrau (Blonde), Jonas Kaufmann (Belmonte), Dietmar Kerschbaum (Pedrillo), Peter Rose (Osmin), Erika Hathzi, Monika Schwabegger, Erich Wessner, Josef Stangl (Solisten im Janitscharenchor); Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor (Leitung Rupert Huber) und Mozarteum Orchester Salzburg.
 
Wenn das Wohnzimmer zum Serail wird 29.07.2003 / Kultur
Eklat bei Mozarts "Entführung" in Salzburg
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Westdeutsche Allgemeine Zeitung
Was wären die Salzburger Festspiele ohne ihren alljährlichen Eklat? Diesmal forderte eine furiose Neudeutung der "Entführung aus dem Serail" kräftige Buhrufe heraus, und eine tief dekolletierte Dame stieß im Hinausstürmen immer wieder "Mist!" hervor. "Mist!"

Immerhin hatte sie erleben müssen, wie der Held Belmonte "Scheiße" sprach, und am Ende, wenn alle glücklich vereint sein sollten, fiel vernehmlich das Wort "Drecksau". Die "Entführung" ist an sich schon eine heikle Sache, jedenfalls heute, in Zeiten politischer Korrektheit. Für Mozart war sie ein Reflex auf 100 Jahre Türkenherrschaft in Wien. Zugleich spiegelte sich in der Geschichte seine eigene bedrohte Liebe; die Heldin auf der Bühne heißt nicht zufällig wie die in seinem Leben: Konstanze.

Den Konflikt um Nationalitäten umging der junge norwegische Regisseur Stefan Herheim, indem er aus dem fernen Orient das Andere an sich machte, das Fremde, Unver-standene. Das hat viel mit der Liebe zu tun, die Mozart meinte, und deshalb ist bei Herheim das Serail, das Gefängnis: die Ehe. Aber nein, so einfach ist die Sache nicht. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und der Regisseur schickt zwei Nackte auf die Bühne. Hastig ziehen sie sich an, schwarzer Frack, weißes Kleid, Schleier. Da ist das Serail zum verlorenen Paradies geworden. Die schlichte Bühne (Gottfried Pilz), die ihre Perspektive immer wieder verschiebt und ihre Konturen in Video-Projektionen auflöst, zeigt einen Innenhof mit hohen Fenstern. Darin erscheinen außer Adam und Eva weitere Brautpaare, unter ihnen Konstanze und Belmonte und das Dienerpaar Pedrillo und Blondchen. Herheim folgt in seinem Vexierspiel der Musik.

Nicht zufällig beginnt Haremswächter Osmin mit dem liebenswürdigen Liedchen: "Wer ein Liebchen hat gefunden", um im Verlaufe weiterer Strophen mit verschlagenem Trallalera anzuraten, dieses Liebchen einzusperren, damit die Treue nicht in Gefahr gerät. Die Geschichte um Treue bis zum Tod ist gebrochen genug, doch Herheim treibt allerhand zusätzliche Scherze. Ein Höhepunkt der Verfremdung ist erreicht, wenn Pedrillo und Blondchen in einem bürgerlichen Wohnzimmer sitzen, statt zu fliehen, und sie seufzt: "O Himmel, wir sind verloren!" Da sind sie keineswegs von Osmins Wachen umstellt, sondern hocken auf einem geblümten Sofa vor dem Fernseher. So kann Gefangennahme auch aussehen.

Dass das Premierenpublikum trotz merklicher Irritation am Ende doch den Jubel überwiegen ließ, ist der Leuchtkraft der Musik zu danken, vor allem den strahlenden Sopranen von Iride Martinez (Konstanze) und Diana Damrau (Blonde). Verdiente Bravos erhielten auch Jonas Kaufmann (Belmonte), Dietmar Kerschbaum (Pedrillo) und der fabelhafte Bassist Peter Rose, der den Osmin mit tiefer Fülle sang. Stark auch der Applaus für Dirigent Ivor Boltan und das Mozarteum Orchester Salzburg; Stefan Herheim holte sich den Unmut der Zuschauer mit Gelassenheit ab.
 
Im Anfang war der Zweifel
Der Tagesspiegel, Berlin
Salzburger Festspiele (1): Stefan Herheim verbannt Mozarts "Entführung" aus dem Orient - und inszeniert ein psychologisches Experiment
Von Frederik Hanssen

Worum geht es eigentlich in Mozarts "Entführung aus dem Serail"? Steht der Konflikt zwischen Orient und Okzident wirklich im Mittelpunkt dieses "deutschen Singspiels" von 1781? Oder geht es trotz allem modisch-muselmanischen Lokalkolorit (die Türkenbelagerung war den Wienern noch lebhaft in Erinnerung) nicht doch eher um das Liebesleben zweier europäischer Paare?

Belmonte, ein junger spanischer Adliger aus bestem Hause, hat sich auf dem Weg gemacht, um seine Verlobte Konstanze zu retten, die gemeinsam mit ihrer Dienerin Blonde und dem Lakaien Pedrillo von Seeräubern verschleppt und an den Bassa Selim verkauft worden ist. Er gibt sich als Baumeister aus und verschafft sich Zugang zum Serail - denn der gebildete Potentat ist allen Künsten zugetan. Osmin, der brutale Oberaufseher, wird mittels Alkohol außer Gefecht gesetzt, die Leitern zur Entführung stehen schon bereit.

Doch Belmonte wie Pedrillo beginnen plötzlich, an der Treue ihrer Geliebten zu zweifeln - geht vom noblen Bassa nicht eine Faszination aus, der Konstanze vielleicht doch erlegen ist? Hat sich Osmin, der die Blonde als "Geschenk" von seinem Herrn erhielt, sein Besitzrecht erzwungen? Wieviel Zukunft haben die Paare nach diesem doppelten Vertrauenszusammenbruch noch? Und man muss sich fragen,was für ein Leben sie wohl führen werden, zu Hause in Spanien, wohin der noble Türke sie entlassen hat, nachdem ihr Fluchtversuch zwar an seinen Wachen gescheitert war, aber sein Großmut ihnen dennoch den Weg freimachte in die bürgerliche Ehe.

1997, bei der letzten Salzburger "Entführung", interpretierte Regisseur François Abou Salem das Werk als Geschichte aus dem Nahen Osten, mit viel Stacheldraht und arabischen Schriftzeichen, die wie ein Zeltdach über der Bühne schwebten. Vor wenigen Wochen hat Jerome Deschamps beim Konkurrenzfestival in Baden-Baden (das sich Herbert-vonKarajan-Festspiele nennen darf) die "Entführung" zur Posse aus Tausendundeine Nacht verniedlicht und mit Kalauern überschüttet. Am peinlichsten geriet ihm ausgerechnet die Schlüsselszene, das Quartett im Finale des ersten Aktes, wenn der erste Schatten des Zweifels auf die Protagonistenpaare fällt: Da mussten Belmonte und Konstanze mit den Armen rudern, um die scheinbar so barock-verzopfte Verhaltensweise des hohen Paares zu karikieren -doch sie entlarvten mit ihrem Gehampel nur die Unfähigkeit des Regisseurs, den Text genau genug zu lesen und auf die Mitteilungen der Musik zu hören.

Sündenfall mit Body-Double

Stefan Herheim, der 32-jährige Norweger, der Mozarts Singspiel zur Eröffnung der diesjährigen Salzburger Festspiele im Kleinen Festspielhaus herausbringt, entwickelt seine Interpretation genau aus jener vermeintlich so schablonenhaften Szene: Sie ist ihm sogar so wichtig, dass er die Pause nach vorne verlegt und Pedrillo im Dialog vor seinem "Frisch zum Kampfe" unterbricht, um das Quartett nach der Unterbrechung noch deutlicher in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu rücken.

Herheim nämlich erklärt das ganze Orient-Geklingel als überflüssig zum Verständnis der Geschichte. Ja, sogar der Bassa Selim ist ihm entbehrlich. Darum hat er sich von Gottfried Pilz ein abgeschabtes bürgerliches Wohnzimmer bauen lassen und die Sprechrolle gestrichen. Denn dieser fremde Herrscher, findet der Regisseur, existiere nur in den Köpfen der handelnden Personen. Als befremdliche Vision beherrscht er die Fantasie der Paare. Bassa sei der Gegenentwurf zu dem Leben, das sie führen, und repräsentiere die Verlockung, die Alternative.

Vor den Augen der internationalen Musiktheater-Schickeria samt Prince Charles und Camilla Parker Bowles beginnt Stefan Herheim mit seiner Exegese buchstäblich bei Adam und Eva. Nackt, wie der Herr sie erschuf, treten Belmonte und Konstanze (in Gestalt von Body-Doubles) während der Ouvertüre vors verblüffte Publikum. Doch der Sündenfall ist schnell vorbei, die Zwei werden von einer johlenden Menge Heiratswilliger in Frack und Brautkleid gezwängt und vor Osmin geschleppt, der zum schwarzberockten Gottesmann mutiert ist. Stellvertretend für die versammelten Junggesellen formuliert Belmonte nun die Ängste des Bräutigams in der Nacht vor der Hochzeit: "Wie soll ich sie sehen? Wie sie sprechen?"

Es sind die Originalworte des Librettos von Johann Gottlieb Stephanie des Jüngeren, in denen plötzlich neuer, moderner Sinn pocht. Kurz, bevor sie sich für immer verbinden, ergreift die Figuren Panik. Was habe ich gemein mit der Frau, mit der ich die Ringe tauschen soll? Was, wenn wir ganz schnell im Kinder-Küche-Karriere-Sumpf versinken, wenn die Träume verrauchen und wir morgens als Fremde nebeneinander aufwachen!

Natürlich ist Stefan Herheims "Entführung" eine Provokation. Der mutige Norweger, der bei Götz Friedrich in Berlin Musiktheaterregie studiert hat und zuletzt am Essener Aalto-Theater mit einer sensationellen Umdeutung von Bellinis "Puritani" reüssierte (die er als höchst unterhaltsame Hinterzimmerstory aus der Pariser Opéra inszenierte), Stefan Herheim also dürfte das Buh-Gewitter am Ende der Vorstellung mit jugendlicher Chuzpe verkraften. Und Peter Ruzicka, seit einem Jahr als Nachfolger von Gerard Mortier Intendant der Salzburger Festspiele, könnte sich womöglich gar die Hände reiben angesichts des zu erwartenden Echos. Denn "restaurativ", wie mancher seine Programmplanung genannt hat, ist diese "Entführung" in ihrer psychologischen Neudeutung gewiss nicht. Die Rückkehr zur Kulinarik jedenfalls, die sie sich manche Augenzeugen der Ära Karajan noch immer sehnlichst wünschen, findet zum Festspielauftakt 2003 nicht statt.

Musikalisch hat selbst der verwöhnteste Opernaficionado nichts auszusetzen. Ivor Bolton fordert das Salzburger Mozarteum Orchester bis zum Äußersten, lässt rasant, oft auch ruppig und niemals mozartkugelig spielen. Bolton, der mit dem Münchner Opernorchester manche Heldentat im Barockrepertoire vollbracht hat, weiß, wie man traditionellen Ensembles den Sound der historischen Aufführungspraxis entlockt. Und weil er ab Herbst der neue Chefdirigent des Mozarteum Orchesters ist, legen sich die Musiker besonders ins Zeug.

Basta ohne Bassa

Auch Diana Damrau, die neue Diva unter den Koloratursopranistinnen, lässt sich als Blonde auf jede Verrenkung ein, ohne dass ihr dabei ein Spitzenton abhanden käme. Jonas Kaufmann gibt einen heldischen, tenoral furchtlosen Belmonte, Dieter Kerschbaum sekundiert ihm als nicht minder mutiger Pedrillo. Eine strenge, auch vokal herbe Schönheit ist Iride Martinez (Konstanze), der typische polternde Koloss dagegen Peter Rose als Osmin. Allesamt Spitzensänger also, die sich gewiss nicht ohne weiteres auf gewagte Interpretationen einlassen. Ihr rückhaltloses Engagement spricht für die Probenarbeit des jungen Herheim.

Dennoch ist sein Salzburger Coup in der Rezeptionsgeschichte der "Entführung aus dem Serail" eher ein Seitschritt als ein Fortschritt. Denn Herheim verzettelt sich im eigenen Ideenreichtum, überfrachtet die Szene mit Einfällen (und äußerst lässlichen Videoprojektionen der Berliner Produktionsfirma fettFilm) und lässt sich dazu hinreißen, über Gebühr Slapsticks einzubauen. So zerfällt der lange Abend eigentlich in zwei Inszenierungen: in eine ernste, die auf bewegende Weise nach dem Sinn und den Risiken dauerhafter Liebesverbindungen fragt, und in eine komödiantische, die das Singspiel mit tausenderlei Gags als Möglichkeit zeitgenössischen Musiktheaters retten will. Jede Ebene für sich bietet lohnenswerte Details, als Parallelhandlungen aber streben sie auseinander.

Und wie windet sich Herheim am Ende heraus, ohne den Begnadigungsschluss durch den Bassa? Er bedient sich dabei eines Tricks, den er schon vorher angewendet hat: Er lässt die Librettoverse von Mund zu Mund vagabundieren. Mal spricht dieser mit Bassas Zunge, mal jener, bis Pfarrer Osmin der Kragen platzt - und er zusammenzwingt, was vielleicht gar nicht zusammengehört.

Unter den finalen Jubelklängen findet vor der Kulisse von Salzburg eine Massentrauung statt. Ob dieses Ende versöhnlich gemeint ist, bleibt offen Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Für Stefan Herheim ist es manchmal auch ein fauler.

 
 
The Scotsman, 18. August 2003
 
Jonas Kaufmann and Helmut Deutsch
James Allen
QUEEN’S HALL
WHETHER or not Schubert’s Winterreise is the greatest song cycle, it is certainly the one by which many a tenor is judged. Singers return again and again to this work in their careers and tenor Jonas Kaufmann will doubtless wish to probe it more deeply and build upon the distinctive imprint he put on the work in this recital.

Kaufmann’s voice has grown in the last year. Rich, baritonal depths have developed and his middle range is more nuanced. Though it occasionally needed more support, his Romantic, rather than expressionistic, interpretation of the work was, overall, technically well catered for.

There was a sense, in Kaufmann’s performance, of oscillating more and more widely around an unbearable melancholic gloom before collapsing with exhaustion, rather than progressing linearly through the work. It was as if bad thoughts kept bouncing back at him, hindering forward progress and gnawing away at his soul.

I liked the way he reined in his voice to suggest the wintriness of the heart and pianist Helmut Deutsch’s handling of nature and the elements in the accompaniment. There is some way to go before Kaufmann inhabits this cycle more fully, but it will be interesting to hear that happen.

 
 
The Spectator: Michael Tanner: Edinburgh Festival 2003, 3
Apart from the two cycles of the Ring, all the opera in this year’s Edinburgh Festival was performed in concert, with some of the singers taking the opportunity to get in as much acting as possible – one would have been gratified to see an Ortrud as impassionedly active as Petra Lang in any fully staged version of Lohengrin; while others seem to have been content to walk onto the platform when required and off again as soon as they’d done their bit: all the singers in the thrilling account of Verdi’s Macbeth under the electrifying, and almost ubiquitous, baton of Sir Charles Mackerras.

Two singers who acted out their interpretations to an impressive degree were the tenor Jonas Kaufmann, one of Edinburgh’s most cherished annual visitors, and Simon Keenlyside, both of whom sang Schubert’s Winterreise in morning recitals at the Queen’s Hall, where, as usual, much of the most satisfying music-making of the Festival took place. Neither of these singers, whose performances were both of a kind which left no doubt that this cycle is not only one of the greatest musical works ever composed, but a stupendous drama, went in for elaborate gesturing or miming, but neither of them was content to stand in the curve of the piano and just make the odd movement. Kaufmann, who cultivates a romantic appearance and coiffure, looked a most plausible candidate for the lovelorn wanderer, very much a development out of the miller’s lad whom we saw him as last year in Die schone Mullerin. Even though the first song of Winterreise already laments the loss of love, this traveller set off at a fairly brisk tempo, with a spring in his step, aided by the superb accompaniment of Helmut Deutsch.

Wilhelm Muller, the poet of Winterreise, is often taken to task for the routine imagery of his songs, and for their lack of individuality. That quality, however, gave Schubert plenty of room for manoeuvre in setting them, and also, quite often, the chance to leave the quality, the emotional direction of them, vague, while contrasting some of them with others where the mood is established or homed in on with death-dealing precision. And broadly, for the singer, there is the opportunity to identify with the wanderer or to narrate his tale up to a point from the outside. Kaufmann took us with him on his journey, left us in no doubt where he was heading, and stood tormented before us. It was one of the greatest interpretations of the cycle I have ever witnessed, ranking with – to mention only the greatest – Hotter and Fassbaender, and tending to the latter’s eviscerating mode. Nothing in his progression was easy, and his last note, held for ages, was almost a scream. After the piano had its final chord, there was an immense silence, Kaufmann looking as if he could hardly believe what he had just put himself and us through; and then huge applause, with an element of relief that the ordeal was over. It will be interesting to see what impression the performance makes when it is broadcast on Radio 3.

Keenlyside’s account, coming two weeks later, was utterly different, and even more disturbing. It was hard to know when he came onto the stage with his regular accompanist Malcolm Martineau, also magnificent in his unity of intention with the singer, whether the diffident, self-absorbed figure we saw was the performer or the character he was about to incarnate. Since Keenlyside is a consummate professional, I take it that the manner in which he moved – slowly - into the cycle, virtually giving the impression that he might have to abandon it, was deliberate. At any rate, it created an electric atmosphere. Like Kaufmann, he used a vast dynamic range, but where the tenor’s voice has got notably deeper and fuller, Keenlyside nearly always took the chance to sing as softly as he could, sometimes almost murmuring his way through whole songs. And odd notes were sung in a Vickers-like head-voice, adding to the unsettling impact, and only just this side of the tolerable. Yet both he and Kaufmann kept all their most extravagant vocal effects within a legato line, so are parts of a new tradition, one hopes, of unexplosive Lieder singing, as opposed to the norm of the last fifty years. Keenlyside seemed improvisatory, sometimes abandoning gestures he’d just started making. Often minutes went past with hardly a glance at the audience; odd, and rare, smiles almost seemed unrelated to what he was singing. Madness decisively set in earlier than usual, though the uncompromising grasp of the worst truths about this wanderer’s position made it seem a superior state to that of the sleeping villagers he so gently mocked. By the end he had withdrawn from any inclination to communicate with anyone, and his last note was merely breathed out. Keenlyside seemed less relieved when his winter’s journey was over than bemused about where he was. I can’t believe I shall have another experience like this one.
 
La damnation de Faust
06. Dezember 2003
Philharmonie

Monumentales Musikdrama: Berlioz' Faust in der Philharmonie
Programm
Hector Berlioz
La Damnation de Faust op. 24
Mitwirkende
Berliner Philharmoniker
Rundfunkchor Berlin
Charles Dutoit - Dirigent
Ruxandra Donose - Marguerite
Jonas Kaufmann - Faust
Willard White - Méphistophélès
Jonathan Lemalu - Brander
Kinderchor und Schulchöre
Simon Halsey - Einstudierung

Monumentales Musikdrama: Berlioz' Faust in der Philharmonie

Von Ingo Bathow

Es gibt musikalische Momente, die vergisst man nicht - ein ganzes Leben lang. Für 250 Kinder und Jugendliche, die zum erhebenden Abschluss von Hector Berlioz' dramatischer Legende La Damnation de Faust in den großen Saal der Philharmonie einzogen, weiß gewandet, vierstimmig rein die Erlösungsworte der Seraphinen singend, muss es ein solcher Moment gewesen sein. Um gar nicht von den Scharen der stolzen Eltern und ergriffenen Zuhörer mit tränenbefeuchteten Augen zu sprechen.

Für das paradiesische Berlioz-Finale firmierte das im vergangenen Jahr von Simon Rattle ins Leben gerufene "Education Programm" der Berliner Philharmoniker mit seinem dem Digitalzeitalter angepassten Namen - Zukunft@Bphil. Dank der akribischen Organisation der Projektassistentin Larissa Israel wurden die singenden Jungtalente aus dem Werner-von-Siemens-Gymnasium, der Berlin International School, der Caspar-David-Friedrich-Oberschule, dem Knabenchor Berlin und dem Mädchenchor Berlin fachmännisch vom Chefdirigenten des Rundfunkchor Berlin, Simon Halsey, und zahlreichen professionellen Helfern auf das Zusammenwirken mit Profi-Orchester und -Chor vorbereitet.

Entsprachen die kosmischen Dimensionen - mit weit über 400 Mitwirkenden - präzise den Gegebenheiten des kolossalen Raumes und den Intentionen des genialen und selbstbewussten Tonschöpfers, so war es die eigentliche Aufgabe des Schweizer Gastdirigenten Charles Dutoit, Akzente zu setzen. Würde er die "dramatische Legende" vor allem als konzertante Oper mit dem schicksalhaften Ringen der Vokalsolisten, als weltliches Oratorium mit der vielgestaltigen Wirkung des Chores auf die Emotionen, oder als sinfonische Dichtung interpretieren, in der die Vokalpartien fast wie ein untergeordnetes instrumentales Particell in die Partitur einflossen? Fakten schafften in dieser Hinsicht schon die unausgeglichenen Kräfteverhältnisse der Mitwirkenden. Weit entfernt von der sanglichen Strahlkraft etwa der Grande Opéra schienen die Hauptsolisten nämlich einem lyrisch-poetischen Ideal zu huldigen, ihre an kleineren Räumlichkeiten orientierten Ausdrucksnuancen drohten deswegen über weite Strecken in den sinfonischen Klangfluten der Philharmoniker rundweg unterzugehen.

Selten hat man einen so sensiblen, introvertierten Faust gehört wie den jungen Münchner Tenor Jonas Kaufmann. Es entspricht durchaus dem Nihilismus unserer Zeit, dass der gelangweilte Jüngling Faust, der seine mangelnde Fähigkeit, sich aus Malaise mit der Welt in seinem Arbeitszimmer das Leben zu nehmen, sogar mit fast gehauchter Kopfstimme in den hohen Registern illustrierte, später für die kurzfristige Erleichterung seines Liebesleids kurzerhand sein Seelenheil verschenkte. Aber diese "no-future"-Einstellung ist nicht alles bei Berlioz - weitaus deutlicher wäre im Ringen mit Mephistopheles und später in der Liebesekstase mit Marguerite die charakterliche Entwicklung herauszuarbeiten, die ihm die Schuldfähigkeit verleiht, bewusst und mit ritterlicher Geste in sein Verderben zu reiten.

Nie hat es ein Mephistopheles leichter gehabt als der aus Jamaika stammende Willard W. White, sein Opfer mit einer gewissen Bonhomie zu düpieren, die weniger an einen finsteren Dämonen erinnerte als an einen lebenslustigen "Sporting Life", der etwa mit einem leichten Hüftschwung zu den Worten "il te tend les bras" die sexuelle Verführung veranschaulichte. Beide Gegenspieler sangen zum Publikum, schienen also kaum in eine dramatische Interaktion zu treten. Wie ein Fels in der Brandung strahlte dagegen Ruxandra Donose Ruhe aus, spielte mit klarer mozärtlicher Linienführung ihres Mezzosoprans eher die Heilige als die Verzweifelte, während ihrem Gegenüber Jonas Kaufmann weit überzeugender die Seufzer des Leidenden gelangen. Keiner der Solisten spielte die dramatischen Möglichkeiten seiner Rolle voll aus - mit Ausnahme des Neuseeländers Jonathan Lemalu, der als der trinkfreudige Student Brander in Auerbachs Keller gestenreich die Ratte im Ofen rotieren ließ, quasi als Omen für das Schicksal, das den Hauptdarsteller ereilen sollte.

Als eigentlicher Mittelpunkt und Träger der dramatischen Handlung erwiesen sich jedoch die Berliner Philharmoniker. Wie es bei Gastdirigenten leicht vorkommt, spielte es für das Zusammenwirken mit den Solisten gelegentlich um einige Abstufungen zu laut, auch traten im Unisono der Violinen zweimal geringfügige Unsauberkeiten auf, die Sir Simon so nicht hätte durchgehen lassen. Dennoch blieb stets eine unglaubliche Präzision spürbar, wie sie nur ein Orchester der Weltspitze erreichen kann - trotz der begrenzten Probenzahl und vorzugsweise bei komplizierten rhythmischen Strukturen und Einwürfen. Der Ausdruckskraft des Orchesters waren die elysischen Landschaften zu verdanken, in deren Anblick Faust schwelgte, ebenso wie das in der Musikgeschichte einmalige synästhetische Flackern der Irrlichter oder die geradezu halluzinatorische Wucht des Höllenritts. Das Publikum würdigte durchaus auch die "lieblichen" Momente und bedachte den Englischhornsolisten mit besonderem Applaus für dessen ungemein gefühlvolle Zwischenspiele in Marguerites Romanze "Meine Ruh' ist hin" ("D'amour l'ardente flamme").

Ebenso kann die Leistung des Rundfunkchor Berlin nicht hoch genug eingeschätzt werden, gelang doch den nur wenig unter 90 Stimmen ein fast unbegrenztes Ausdrucksspektrum zwischen den Chören der Landleute, der Soldaten und Studenten, der Gnomen und Sylphen, der Dämonen der Hölle und der himmlischen Heerscharen. Besonders effektvoll hatte Simon Halsey die beißenden parodistischen Episoden herausgearbeitet - niemandem entging die humoristische Huldigung an Johann Sebastian Bach, so einprägsam wie sie die Chorprofis als Leipziger Studenten im Requiem auf die geröstete Ratte vortrugen. Ebenso hinreißend, in seinem Überschwang überzeugend klang der Triumphgesang der Höllengeister ("Irimiru Karabrao! Has! Has!"), als hätte jemand eine infernalische Chorprobe belauscht - im Gegensatz zur entscheidenden Frage der Fürsten der Finsternis, von allen Männerstimmen unisono gesungen, ob die fatale Unterschrift Faustens nun ewige Gültigkeit habe. Diese Stimmenfanfare hätte statt mit der Klarheit einer Tagesschau-Ansage vielleicht noch dräuender, noch unheimlicher ausfallen können, wie aus den emotionalen Abgründen von Giuseppe Verdis Requiem. Dennoch - eine intensivere und engagiertere Interpretation von Berlioz' Meisterwerk ist kaum denkbar.

Als dann die Kinder zu himmlischen Harfenklängen einzogen, war die Seele der Zuhörer in ihrem tiefsten Grunde geläutert.

 
 
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