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| Zauberhaft, genial und doch provinziell |
| Strehlers "Così fan tutte" bei den Wiesbadener
Maifestspielen |
| Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung |
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WIESBADEN. Als Giorgio Strehler am Weihnachtstag des
Jahres 1997 einem Herzinfarkt erlag, hinterließ er seine Neuinszenierung
von Wolfgang Amadeus Mozarts Oper "Così fan tutte" als Fragment. Sein
Schüler Carlo Battistoni übernahm die schwierige und letztlich nicht
lösbare Aufgabe, das Begonnene zu vollenden, ohne die Ideen des Maestros
anzutasten. Bei den Internationalen Maifestspielen Wiesbaden fand das
Resultat den Weg vom Mailänder Piccolo Teatro in das lokale Staatstheater.
Mozarts "Schule der Liebenden" handelt von einer Entgrenzungserfahrung,
bei der die beiden Liebespaare in dem von Don Alfonso entfachten und
angeleiteten Verstellungs- und Verkleidungsspektakel unversehens in
tiefere Schichten der eigenen Psyche vorstoßen, zu sich selbst finden. Das
Bühnenbild Ezio Frigerios sekundiert den Rhythmus von Begrenzung und
Weitung durch mobile Seitenwände, während die opulente Ausgestaltung des
im Libretto angelegten orientalischen Topos jene Ent-Rückung
gewährleistet, die schließlich auch der spröden Fiordiligi (Fiorella
Burato) das Eingeständnis ihrer eigentlichen Gefühle gestattet.
Strehlers Inszenierung wartet mit bezaubernden Bildern und reizenden
Details auf. Neben der Rolle des Alfonso (Alexander Malta) besticht
explizit die von Janet Perry als rustikale Schönheit verkörperte Despina
mit ihrem auf den handfesten Vorteil bedachten Realitätssinn und ihrer -
den exaltierten emotionalen Diskurs von Dorabella und Fiordiligi
kontrapunktierenden - Situationskomik. Gleichwohl bleibt genug Raum für
den eigentlichen Regisseur: Mozart. Der wesentliche Teil der Handlung
nämlich vollzieht sich subkutan, betrifft Seelenvorgänge, denen kein Bild
und keine Geste beizukommen vermag. Unter der sehr wachen und sensiblen
Stabführung Enrique Mazzolas grundierte und kommentierte das Orchestra
Sinfonica di Milano "Guiseppe Verdi" die innere Handlung sehr ansprechend.
Drei der vier Liebenden vermochten es gleichwohl nicht, die musikalischen
Vorgaben befriedigend umzusetzen. Die Metamorphosen Dorabellas (Terese
Cullen) und Fiordiligis von Terz-Parallelen abnudelnden Klonen zu
musikalisch respektive psychisch unverwechselbaren Individualitäten
gestalteten die beiden Solistinnen kaum ansatzweise. Neben geeigneten
stimmlichen Anlagen fehlte es hier offenkundig an musikalischem
Einfühlungsvermögen. Markus Werba verkörperte den Ferrando mit einem
kraftvollen und geschmeidigen Bariton, gleichwohl etwas zu oberflächlich.
Eine wohltuende Ausnahme bildete Jonas Kaufmann, dessen strahlender Tenor
die Stimmungen des Orchesters aufnahm und den sich im zweiten Akt
aufreißenden Abgründen in ergreifender Weise Gestalt zu verleihen wusste.
Eine Inszenierung steht und fällt eben auch in dem Maße, wie sie die Musik
und die musikalische Persönlichkeit der Solisten zu integrieren versteht.
Und weil dies in dieser mit Doppel- und Dreifachbesetzungen hantierenden
Mailänder Unternehmung nur sehr unvollkommen gelang, präsentierte sich
Strehlers Vermächtnis als irritierende Mischung aus Genialität und
Provinzialität. (Eine weitere Aufführung heute um 19.30 Uhr im
Staatstheater Wiesbaden.)
BENEDIKT STEGEMANN |
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| Perlenglanz schmachtender Kavaliere |
| Strehlers Vermächtnis: Mozarts Oper "Cosi fan tutte" bei
den Wiesbadener Maifestspielen |
| Allgemeine Zeitung vom 15.05.00, Von Siegfried Kienzle |
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Giorgio Strehler starb am 25. Dezember 1997 mitten in der
Probenarbeit zu "Cosi fan tutte" - mit diesem Mozart wollte er 1998 den
Neubau seines Piccolo Teatro in Mailand eröffnen. Sein langjähriger
Assistent Carlo Battistoni hat Strehlers Konzept umgesetzt: Es ist eine
wunderbar leichte, von mediterraner Helligkeit erfüllte Deutung
entstanden, die an Strehlers unvergessliche Mozart-Schöpfungen der
"Entführung" (1965), des "Figaro" (1983) und des "Don Giovanni" (1987)
heranreicht.
Für drei Abende war die Aufführung des Piccolo Teatro zu Gast bei den
Maifestspielen. Ezio Frigerios Bühnenbild begnügt sich mit einer leeren
Fläche aus Holzdielen und den Ausblick auf einen hellen, weiten Horizont,
der für die Verführungsszenen eindunkelt wird zu einem traumhaften Blau
mit schmaler Mondsichel. Türkisfarben schimmert ein Streifen Meer herein.
Zu Beginn, wenn die Liebesprobe übermütig unter den Männern ausgeheckt
wird, und am Schluss, wenn die Paare sich erleichtert versöhnen, ist auf
dem Rückvorhang die gemalte Fassade des Teatro San Carlo in Neapel zu
sehen. Das verkündet Strehlers Konzept: Nicht die tiefe Verstörung im
Liebes-Selbstbetrug will er vorführen, sondern die mutwillige Fopperei
unter ganz, ganz jungen Leuten, die ihren Spaß austoben. Da ist Goldoni
nahe, wenn der Abschiedsschmerz exaltiert ausgespielt wird und die
Aktionen immer wieder als Pose entlarvt werden.
Strehler zeichnet die jungen Offiziere und ihre Bräute in Kostüm und
Bewegung zum Verwechseln ähnlich, lässt sie oft synchron spiegelbildlich
agieren - das Thema von der Austauschbarkeit der Körper und Gefühle wird
sinnfällig sichtbar. Wenn die Kavaliere verkleidet eindringen, um ihre
Bräute auf die Probe zu stellen, so stürmt auf die Mädchen eine Fata
Morgana ein aus Tausendundeiner Nacht: Das muss sie berauschen - eine
Dienerschar in Turban, Fackeln und schimmernde Gewänder, der Perlenglanz
der schmachtenden Kavaliere. Zum Fest gleitet eine Barke herein und wird
für Dorabella zur Liebeslaube.
Jung und mit herrlich unverbrauchtem Vokalglanz das Ensemble: Der Tenor
Jonas Kaufmann ein Fernando mit lyrischem Zauber und kraftvoller Dramatik
begeistert im "Odem der Liebe", Markus Werba von der Wiener Volksoper
setzt seinen hellen Bariton spielfreudig ein für den Guglielmo, Fiorella
Burato (Fiordiligi) vertieft ihre große Szene "Per Pietà" zum beseelt
ausgesungenen Charakterbild, Terese Cullen als Dorabella verströmt mit
geschmeidigem Mezzo ihre Lebenslust. Deutlich älter besetzt sind die
Drahtzieher der Intrige: Janet Perry ist eine erfahrene Despina, die
pfiffig ihre vokalen Pointen setzt, Alexander Malta ein sonorer, recht
abgetakelter Alfonso.
Begeisterung erspielt sich das Orchester "Giuseppe Verdi" aus Mailand -
1993 gegründet und derzeit von Riccardo Chailly geleitet, zählt es zu den
herausragenden Konzertorchestern Italiens. In Wiesbaden sorgte der junge
Dirigent Enrique Mazzola, Leiter des Festivals von Montepulciano, der auch
in Stuttgart und Bordeaux dirigiert, für ein ausgefeiltes, aggressives
Klangbild. Das hat den heißen Atem eines Toscanini, wie hier die vielen
kichernden Nebenstimmen der Bläser betont sind, wie scharf Trompeten und
Pauken eingreifen. Die Secco-Rezitative sind neben dem Cembalo durch ein
Solo-Cello verstärkt. Dieser frische Mozart mit einem Schuss
Rossini-Frechheit wird lang nachklingen. |
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| Verdi: La Traviata, Stuttgart, Mai + Juni
2000 |
| Stuttgarter Zeitung: Wiederaufnahme in der
Stuttgarter Oper: "La Traviata" |
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Die Arbeit ist sieben Jahre alt. 1993 hat
Ruth Berghaus in Stuttgart Giuseppe Verdis "La Traviata" inszeniert, die
Geschichte der Violetta Valéry, die von der Schwindsucht dahingerafft
wird. Deren Weg in den Tod begleitet auch in der Wiederaufnahme der Oper
eine Gesellschaft, die sich mehr um das volle Glas in der Hand kümmert als
um die Figuren, die sie ins Abseits drückt.
Den Pariser Salon der Kameliendame, ihr Landhaus vor den Toren der Stadt
und endlich das Schlafzimmer, in dem Violetta auf den Tod wartet, kleidete
der Bühnenbildner Erich Wonder in dunkle Farben. Die lassen auch ein
heruntergekommenes Bahnhofsrestaurant, einen Steinbruch oder eine
stillgelegte Fabrikhalle zu. Leise rieselt der Schnee, und das aus dem
Bervoix-Salon nach draußen dringende Licht sorgt für heimelige
Bohème-Gemütlichkeit.
Eindeutig sind die Interessen Alfredo Germonts, der sich in die Kurtisane
Violetta verguckt hat und verständlicherweise ihre Nähe sucht. Jonas
Kaufmann schafft es bis in Violettas Salon und rutscht unversehens in die
Rolle des Krankenpflegers: Violetta kippt um. Was Kaufmann stimmlich aus
seinem Ausnahmezustand macht, ist allererste Klasse. In Verliebtheit oder
gar Raserei verliert sich der Tenor nie. Ein Distanz haltendes Kalkül
scheint sein Tun und sein Singen zu bestimmen. Er regt sich auch nicht
sehr auf, als sich Sand im Liebesgetriebe breit macht.
Etwas schwerer tat sich anfangs, aber nur da, Catherine Naglestad.
Violetta Valéry brauchte eine gewisse Zeit, um die Qualitäten ihrer Stimme
auszuspielen. Auch bei ihr gibt es einen Abstand, der sie vor der völligen
Identifikation mit der Rolle schützt. Wenn nur noch ihr bleiches Gesicht
und das kleine, abgerissene Graue auf ihren Zustand hinweisen, singt
Naglestad vielleicht am schönsten. Hier wird dann die Regie etwas hilflos,
was sich in der kaum überzeugenden Führung der Personen artikuliert.
Mit diesem Defizit muss auch Alexander Polianichko am Pult fertig werden.
Immer dann, wenn die Szene prallvoll ist, wenn sich die Gäste, der
überzeugend singende Staatsopernchor, komplett im Salon tummeln, spielt
das Staatsorchester in Hochform. Da stimmen die Tempi, die Balance und der
Rhythmus des Geschehens vor und auf der Bühne. Maria Theresa Ullrich als
Flora Bervoix - wie Jonas Kaufmann und Catherine Naglestad eine Debütantin
in ihrer Rolle - ließ auch stimmlich die gute Führung ihres Salons
erkennen. Dem Gewicht ihrer Rollen entsprechend rundeten die übrigen
Ensemblemitglieder den gelungenen Abend ab.
Von Jürgen Leukel |
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| Der Vesuv in meinem Herzen |
| Eine heiße Geschichte zündet:
Annegret Ritzel inszeniert in Frankfurt Mozarts "Così fan tutte" |
| Frankfurter Allgemeine Zeitung,
29.05.2000 |
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Der Frankfurter Opernbrand am 8. November 1987,
unmittelbar nach der Premiere von Mozarts "Così fan tutte" in Graham Vicks
Regie mit Gary Bertini am Pult, kommt jetzt bei der neuen "Così"
automatisch in den Sinn: Die Regisseurin Annegret Ritzel und der
Bühnenbildner Johannes Leiacker spielen mit einer Leitmetapher von Lorenzo
Da Pontes Text - dem Feuer. Der Vesuv droht mit Qualm und Glut, die
bedenklich schräge Dachterrasse der Schwestern Fiordiligi und Dorabella
ist eine helle Insel im Aschendunst und trägt Lavabrocken als Sitze und
Ablagen. Don Alfonso zündet im kalten Licht zynischer Aufklärung eine
heiße Geschichte. Am Schluss des Treue-Experiments, wenn die alte Ordnung
der Paare scheinbar wieder eingerenkt ist, in Wirklichkeit aber die
Leidenschaft zum Leiden geworden und das Liebesfeuer abgekühlt ist wie in
der Lava vergangener Ausbrüche, ist die zuvor so blitzblanke Schräge mit
Aschenregen übersät. Doch die Optik begleitet und deutet die radikale
Aufklärung über die Zerstörbarkeit scheinbar felsenfester Beziehungen und
die Austauschbarkeit ihrer Figuren stets unaufgeregt, ohne sich
aufzudrängen.
Auch die Intendantin am Stadttheater Koblenz verzichtet auf extravagantes
Regietheater, damit aber auch auf manche existenzielle und
gesellschaftliche Hintergründe dieses Lehrstücks aus der Endphase des
Ancien Régime. Die Krisenstimmung einer Umbruchsgesellschaft, vor 210
Jahren wie heute, hat die Sinne geschärft für das gefährliche Spiel mit
den Naturgesetzen der Liebe im längst erschütterten bürgerlichen
Tugendkodex. Annegret Ritzel erzählt indessen Text und Musik nur nach -
hellhörig, aber nicht spitzfindig, immerhin plausibel in der Gratwanderung
zwischen echten und verstellten Gefühlen, Komödie und Tragödie,
Wahrhaftigkeit und Heuchelei, Schein und Sein, Rolle und Gestalt. Manchmal
ist die Gestik geschickt doppeldeutig - so hat das Tänzeln mit dem
glühenden Boden unter den Sohlen ebenso viel zu tun wie mit barocken
Bewegungsformeln.
Zu ihnen passen Katharina Ebersteins Kostüme aus der Entstehungszeit der
Oper. Aber sie greifen sinnvoll anachronistisch darüber hinaus. die
leichtlebigere Dorabella stellt ihren Körper im modernen Badekostüm
freigebiger aus als die skrupulösere Schwester. Und ihre Trauer über das
vorgespiegelte Verschwinden ihrer Verlobten in die Armee agieren beide in
Barockroben aus - Regression in ein scheinbar heileres Gestern und in die
körperliche Fesselung, aber auch Erinnerung an den Opera-seria-Aufwand
ihrer Schmerzensarien. Die orientalische Hochzeitskleidung verrät dann die
Identifikation der Damen mit ihren vertauschten Galanen.
Anmutig und beweglich, aber auch ein wenig profilschwach dringt die Musik
aus dem Orchestergraben. Der neue Erste Opernkapellmeister Balázs Kocsár
und das Frankfurter Museumsorchester lassen die Sänger rücksichtsvoll
aufleben, atmen mit ihnen, lassen die Klänge schwingen und "singen". Die
Kehrseite: ein etwas abgeflachtes Klangbild, als sei der adrette
Vordergrund schon genug und als stelle sich die Musik versöhnlich der
fatalen Versuchsanordnung auf der Bühne entgegen. Subkutan ist Mozarts
"Così"-Musik eben auch aufrührerisch, verstörend im instrumentalen
Schichtenbau, in den mitunter aufgebrochenen, stockenden Rezitativen, den
aufflammenden Furiosi. Dieser farblichen, rhythmischen, klanggestischen
und polyphonen Trennschärfe könnte ohne Zuwachs an Lautstärke mehr Kontur
gegeben werden.
Gesungen wurde dagegen außerordentlich plastisch. Die sechs
Premierensänger, vier davon aus dem neu sich bildenden Frankfurter
Opernensemble, führten attraktive Mozart-Stimmen vor: schlank, gelenkig,
farbschattierungsreich, tragfähig auch im Leisen. Bewundernswert
bewältigte die deutsch-griechische Sopranistin Anja Harteros (Oper Bonn)
in ihrer Fiordiligi-Arie "Como scoglio immoto resta" nicht allein
scheinbar mühelos die "felsenfesten" Dezimensprünge, sondern unterlegte
sie auch mit Leidensfeuer. Die italienisch-argentinische Mezzosopranistin
Nidia Palacios sang in Dorabellas "Smanie implacabili" die "unerbittliche
Qual" mit Glut und Kern in der Stimme aus. Suggestiv lyrisch, fast
rauschhaft sich steigernd, beschwor Jonas Kaufmann in "Un' aura amorosa"
Ferrandos Leidenschaft für Dorabella. Vom schwärmerischen Tenor hob
Johannes Martin Kränzles Guglielmo sich mit rundem, profundem Bariton als
bodenständigerer Pragmatiker ab. Alle - auch Andreas Maccos überlegener
Alfonso und Barbara Zechmeisters wandlungsfähige Despina - legten so viel
Brio in ihre Stimme, als trügen sie den Vesuv in ihren Herzen.
ELLEN KOHLHAAS |
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Im
Schatten des Vulkans |
| Mozarts "Cosí fan tutte" von
Annegret Ritzel in Frankfurt inszeniert |
| Allgemeine Zeitung vom 30.05.00,
Von Siegfried Kienzle |
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Schemenhaft zeichnet sich die Kontur des Vesuvs ab im
blassen Himmel über Neapel. Der Vulkan spielt mit in dieser Geschichte von
der verratenen Liebe und dem Verlust des Vertrauens, wie sie Annegret
Ritzel, Intendantin in Koblenz, in einer Gastregie an der Oper Frankfurt
erzählt.
Zu Beginn, als der Pakt unter den Männern geschlossen wird, ihre Bräute in
Verkleidung zum Treubruch zu verleiten, qualmt nur ein leichtes Wölkchen
aus dem Krater. In den Verführungsszenen von Mozarts "Cosí fan tutte" wird
es wahrhaft ein Spiel mit dem Feuer: Glut schwebt über dem Vulkan, rötlich
färbt sich der Himmel und zuletzt fällt ein Ascheregen auf die mutwillig
zerstörten Liebespaare.
Johannes Leiacker hat eine hölzerne Plattform schräg in den
Orchestergraben gebaut. Zuerst ist das eine luxuriöse Dachterrasse, von
der aus die Damen im Badeanzug oder mit Tennisschläger dem
Freizeitvergnügen nachgehen. Schwarze Lavablöcke dienen als
Sitzgelegenheit, die Auftritte erfolgen von unten über eine Bodenluke.
Zuletzt wirkt die verwüstete Spielfläche wie ein abgetakeltes Floß, auf
das sich Schiffbrüchige gerettet haben - nun treiben sie ziellos dahin ins
Nirgendwo.
Annegret Ritzel, vor ihrer Koblenzer Intendanz lange die Leiterin des
Sprechtheaters in Wiesbaden, hat bisher überwiegend Schauspiel inszeniert.
Das merkt man: betrachtet sie die Figuren doch mit allzu viel Aktion.
Schon während der Ouvertüre, die damit leider zur Hintergrundmusik
degradiert ist, muss die Zofe Despina tüchtig werkeln als Putzfrau.
Mit den Zeitebenen fährt Ritzel Achterbahn durch die Jahrhunderte: Die
Männer kommen aus der Mozartzeit, die verlassenen Bräute drapieren ihre
Verzweiflung mit dem Reifrock und den zerrauften Perücken einer heroischen
Barockoper. Der Chor trägt die Abendgarderobe von heute.
Interessant aufgewertet ist die Figur des Drahtziehers Alfonso. Andreas
Macco, der seinen schlanken Bass wie ein Florett führt, ist ein
dämonischer, schwarzer Kavalier, ein mephistophelischer Verführer, der die
Illusion von Liebe und Glück vernichtet. Seine Helferin Despina
(ausgezeichnet: Barbara Zechmeister) will sich als abgerackerter
Dienstbote rächen an den feinen Dämchen, die sich den Luxus von Gefühlen
leisten dürfen. Das sind konsequent durchgezeichnete Psychostudien.
Bravourös die Gesangsleistung. Der Tenor Jonas Kaufmann hatte in der Rolle
des Ferrando bei den Maifestspielen in Wiesbaden einen umjubelten Auftritt
mit dem Cosí-Gastspiel aus Mailand. Auch in Frankfurt lässt Kaufmann mit
seiner lyrischen Diminuendo-Phrasierung und heldischer Strahlkraft
aufhorchen.
Weit. Auff: 8., 10.,
12., 16. 6.; |
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| Haydn: Die Schöpfung, St. Florian,
16.7.2000 |
| Neues Volksblatt: Aus dem Vollen geschöpft |
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Die Basilika in St. Florian war am Sonntag gesteckt voll
beim 14. Stiftskonzert mit Haydns "Schöpfung". Für Stefan Vladar am Pult
waren alle Voraussetzungen für eine großartige Aufführung gegeben, bzw.
der Stiftskonzerte-Chef schuf sich diese selbst mit einer hochkarätigen
Besetzung. Die Salzburger Camerata Academica spielt noch immer im Geiste
ihres Meisters Sándor Vegh, der Wiener Kammerchor, von Johannes Prinz
einstudiert, vertrat seinen Rang als Spitzenensemble unangefochten, seine
Klangpracht in allen dynamischen Schattierungen in bewunderswerter
Homogenität entfaltend.
Für Höhenflüge sorgte auch die illustre Solistenrunde: Eva Lind (Gabriel,
Eva), deren samtweiche, präzise Koloraturen den Raum
mühelos füllten, der Tenor Jonas Kaufmann (Uriel) mit seinen schwebenden
Piani und angenehm dunklen Timbre, und Bassist Christian Hilz (Raphael,
Adam), geradezu prädestiniert für die weitgespannte Partie von selten
aufgehellter Tiefe bis zu baritonalen Höhen. Die dem Werk eigene
Flexibilität und seine Kontraste wusste auch Stefan Vladar für sein
Dirigat zu nützen. So setzte er seine schlagtechnischen Fähigkeiten nach
allen Richtungen ein, Haydns Musik konnte er - aus dem Vollen schöpfend -
laufen lassen. Nach der Schlusschor-Fuge setzte nicht unmittelbar, aber
dann lautstarker und langanhaltender Beifall ein.G. Szeless |
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| Zauberhorn, Klangpoet nach schmaler Kost zum Start red
31.07.2000 |
| von Die Presse.com |
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Wiens Philharmoniker rückten mit ihrem ersten Salzburger
Konzert verschobene Maßstäbe mühelos zurecht. Es war wie eine Erlösung:
Voll und rund schwang sich das einleitende Hornsolo des B-Dur-Konzertes
von Johannes Brahms über das Auditorium im Großen Festspielhaus hinweg und
versetzte es gleich Hüons Zauberinstrument in eine andere Welt: Nie hätte
man gedacht, daß der Qualitätsunterschied zwischen einem
Mittelklasse-Orchester wie am Vorabend und einem Ensemble der Weltspitze
so himmelweit sein könnte . . .
Bewußt genoß man nach der schmalen Kost dieser ersten Tage, was man zu
Hause gern als selbstverständlich hinnimmt: Die Wärme und makellose
Homogenität der Streicher, das charaktervolle Holz, das noble Blech
geradezu prädestiniert für Komponisten wie Brahms und Schumann, zu denen
auch Wolfgang Sawallisch in der Betonung solcher klanglichen
Charakteristika stets seine besondere Affinität bewiesen hat. Nicht daß er
sich und seinen Musikern dabei ein allzu gefühlsbetontes, romantisches
Zerfließen gestatten würde: Straff und die "klassische" Formgebung nie aus
den Augen verlierend zog Sawallisch den ersten Satz des Brahms Konzertes
durch; Rudolf Buchbinder am Klavier beantwortete diese Vorgaben mit betont
klarer Zeichnung im schlanken Forte, mit beispielhafter Lockerheit im
perlenden Passagenwerk. Die Stunde des Klangpoeten Buchbinder schlug dann
im Andante, wo er dem tonschönen Cellosolo Wolfgang Herzers mit auf das
Raffinierteste in den Flügel gehauchten Anschlagsnuancen begegnete. Da
schienen Dirigent und Orchester den Atem anzuhalten und legten dem
Pianisten einen subtilst gewebten Klangteppich zu Füßen, wie ihnen auch
sonst ein traumhaft verhaltene Momente (Reprise des ersten Satzes!)
gelangen. Der Raritäten-Dramaturgie dieses Sommers folgend, gab es nach
der Pause die seltene Gelegenheit einer Begegnung mit Schumanns Requiem
op. 148. Ein für ihn typisches Spätwerk von handwerklich sicherer,
unpersönlicher Schönheit, das nur vereinzelt - so im eigenwilligen Dies
irae - mit Originalität überrascht. Exzellentes leistete da die von Donald
Palumbo perfekt vorbereitete Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor mit
ihren markigen Bässen, strahlenden Tenören und üppigen Frauenstimmen: im
nicht ganz ausgewogenen Solistenquartett dominierten der satte Mezzo von
Marjana Lipovsek und der schlanke Tenor von Jonas Kaufmann.ghjk |
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| KLAUS: Jonas Kaufmann begeisterte in Bergkirche |
| Die große Karriere ruft |
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Noch ist der Berliner Tenor Jonas Kaufmann in Österreich
kaum bekannt. ***Das wird sich ändern. Seit seinem Wiener Debüt, der
kürzlich in Linz stattgefundenen Mitwirkung in der "Schöpfung", und nun am
Wochenende der Liederabend in der Bergkirche Klaus, wird es sich
herumsprechen, dass es sich um einen jungen Sänger mit dem Zeug für eine
internationale Karriere handelt. Jonas Kaufmann ist derzeit in Brüssel als
Belmonte in der "Entführung aus dem Serail" zu hören; er sang Opernrollen
bereits in Chicago, Salzburg, Hamburg und Stuttgart.
Seine schlank geführte Stimme, das Timbre und sein breites Spektrum von
Klangnuancen faszinieren. Dazu kommt eine sympathische Bühnenerscheinung
und der totale Einsatz bei der Liedinterpretation: etwa mit seiner
glänzenden, emotionellen Interpretation von Schumanns "Dichterliebe" und
den ganz dem italienischen Genre verschriebenen Sonetten von Liszt. (P.H.)
*** Anmerkung: Münchner |
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| Rettungsoper ohne Freiheitsvision |
| Ferdinando Paërs «Leonora» in Winterthur |
| Neue Züricher Zeitung, 11.09.2000 |
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Das
Stück ist, in der Fassung Beethovens, Allgemeingut. Doch die Musik kennt
kaum jemand: Mit Ferdinando Paërs «Leonora ossia L'amor coniugale», der
direkten Vorläuferin von Beethovens «Fidelio», präsentiert das Zürcher
Opernhaus zur Saisoneröffnung im Winterthurer Theater am Stadtgarten eine
echte Rarität.
Was wäre, wenn "Fidelio" nicht existierte? Hätte Ferdinando Paërs
"Leonora", 1804, ein Jahr vor der Erstfassung von Beethovens Oper
uraufgeführt und auf derselben Textvorlage von Bouilly basierend,
überlebt? In Winterthur lernt man ein ganz eigenständiges, gut gebautes
und melodienreiches Stück kennen, dem es weder an musikalischem Gehalt
noch an Wirkung fehlt. Doch schon während der Ouverture versteht man,
weshalb Beethovens Vertonung die italienische Version so bald in den
Schatten stellte: Der grosse dramatische Atem, die visionäre Kraft, die
ethische Dimension, die Beethoven dem Stoff verlieh, sind Paër fremd (und
fehlen ja weitgehend auch in der Erstfassung von "Fidelio").
Die Geschichte von Leonora, die sich als Mann verkleidet, um ihren Gatten
aus dem Gefängnis zu befreien, bleibt hier ein - aussergewöhnliches,
ergreifendes - Einzelschicksal, sie wird weder zum Aufschrei gegen
Tyrannei noch zur Freiheitshymne. Bezeichnenderweise gibt es in "Leonora"
auch keine Chöre, die das individuelle zum kollektiven Schicksal machen.
Eklatant sind die Unterschiede zu Beginn des zweiten Aktes: Vorspiel,
Rezitativ und Arie des in Ketten liegenden Florestano erinnern
stimmungsmässig ganz an die Parallelstelle bei Beethoven, ohne jedoch in
der Vision eines rettenden Engels zu kulminieren.
Paërs Stärke sind die sorgfältig und phantasievoll
ausgearbeiteten Einzelszenen, aus deren Abfolge die dramatische Steigerung
resultiert. Diese Qualitäten werden bei der Schweizer Erstaufführung von
"Leonora" in Winterthur klar herausgestellt. Einerseits durch den
Dirigenten Nicholas Cleobury und das Orchester des Musikkollegiums, die
Paërs Partitur körperhaft und kontrastreich, mit straffen Tempi und
sattem, warmem Klang ausmusizieren und aus den zahlreichen solistischen
Einwürfen eigentliche Glanzlichter machen. Eine analoge Genauigkeit des
Erzählens prägt, anderseits, die Regie von Michael Sturminger. Das
Bühnenbild von Renate Martin und Andreas Donhauser, das mit seinen Beton
und Metallelementen die Architektur des Theaters am Stadtgarten zitiert,
während der blaue Himmelsausschnitt an der rechten Seitenwand die Hoffnung
symbolisiert, gibt optimalen Einblick in das Geschehen, und die
Lichtgestaltung von Franz Orban erzeugt mit ihren Schattenwirkungen
Stimmungshaftigkeit. In dieser Ausstattung könnte man auch "Fidelio"
spielen.
Wie bei seiner vor vier Jahren am selben Ort gezeigten Rossini
Einstudierung "Tancredi" verlegt Sturminger die Handlung in die Gegenwart,
erreicht damit aber diesmal Zeitlosigkeit. Über dem Eingangstor des
Staatsgefängnisses liegt eine Kommandozentrale mit modernster
Sicherheitstechnologie. Während der Ouverture nähert sich Leonora dem
Eingang, sieht an der Wäscheleine Männerkleider und verwandelt sich mit
diesen aus spontanem Entschluss in Fedele. So führt Sturminger das Motiv
des Geschlechtertauschs ein, das er im Folgenden als Kleidertausch
leitmotivartig weiterentwickelt.
Seine Figurenzeichnung wirkt allerdings nicht einheitlich. Leonora/Fedele
und Florestano werden durch Iulia Isaev und Robert Kaufmann nahe an das
überlebensgrosse Protagonistenpaar Beethovens herangeführt. Iulia Isaevs
dunkel getönter Sopran verströmt Wärme und emotionale Kraft und bewahrt
sich zugleich für die Cembalobegleiteten Rezitative und die verästelten
Koloraturen die erforderliche Agilität. In der Höhe allerdings verengt
sich die Stimme. Gewinnt Isaevs Leonora Intensität durch konzentrierte
Ruhe, so spielt Jonas Kaufmann die leidenschaftlichen Gefühle des
eingekerkerten Florestano aus und beglaubigt sie durch seinen expressiven
und expansionsfähigen Tenor.
Elizabeth Magnusons Marcellina, mit strohblondem Haar und im billigen
Kleidchen puppenhaft wirkend, wünschte man sich stimmlich inniger und
resonanzreicher, zumal die Figur bei Paër mehr Gewicht hat als bei
Beethoven. Sie ist es, die den Minister Don Fernando (von Kenneth Roberson
mit einem edlen, lyrischen Tenor ausgestattet) in Florestanos Verliess
holt und zur eigentlichen Retterin wird. Der Gefängnisvorsteher Rocco ist
auch bei Paër eine zwiespältige Figur, wie Oliver Widmers leicht unecht
wirkendes Spiel und sein bei allem Nachdruck wenig konturierter Bariton
verraten. Dass der vergeblich um Marcellina werbende Schliesser Giachino
hier kein Tenor, sondern ein Bass ist, wirkt selbstverständlich, weil
Jacob Wills Stimme jung und leicht klingt. An den ebenfalls in Tenorlage
singenden Don Pizarro gewöhnt man sich nicht so leicht, obwohl Roberto
Iuliano den Bösewicht mit pointierter Deklamatorik charakterisiert. - Die
mit viel Beifall aufgenommene Winterthurer Premiere hat den Nachweis
erbracht, dass "Leonora" mehr als bloss historisches Interesse verdient.
Marianne ZelgerVogt Winterthur, Theater am Stadtgarten, 9. September.
Weitere Aufführungen am 11., 13., 15. und 17. September. |
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| Opernwelt 11/2000 |
| Die gezähmte Widerspenstige, Paers "Leonora" in
Winterthur |
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Die Hauptarbeit müssen wir mit dem ersten Ton leisten,
und sie ist nicht leicht zu erledigen: Beethovens "Fidelio" für drei
Stunden aus dem akustischen Gedächtnis streichen, die Musik für sich hören
und Vergleiche erst danach ziehen. Wem das nicht gelingt, wer beide Stücke
immer wieder im inneren Ohr übereinander blendet, der bekommt Paer nicht
zu greifen. Wem es gelingt, der hat am Ende eine Menge erfahren: über das,
was damals zwischen Paris, Mailand und Wien in der Opernluft lag und wie
man es zur Explosion bringen konnte - und nicht zuletzt über den
"Fidelio". Oder anders herum: Gerade, weil Beethovens einzige Oper kein
glatter Wurf ist, sondern ein Gebilde aus Schrunden, divergierenden
Fassungen und Selbstsuche, hat die Bekanntschaft mit Paer Gewicht.
Wer war dieser Mann, dessen Noten heute in den Archiven verstauben, obwohl
sie fast so virtuos wirbeln können wie Rossini, fast so viel Poesie
entfachen können wie Mozart und fast soviel Wucht haben wie Cherubini? Ist
es dieses "fast", das ihn ins Aus der Musikgeschichte befördert hat?
Dieses stilbewusste Schreiben zwischen allen Stilen? Geboren wurde er in
Parma - wenige Monate nach Beethoven. Robert Schumann war einer seiner
Schüler. Mit und gegen Rossini trat er in Paris an. Er muss - in Wien,
Dresden und Paris gehörte das zu seinem Aufgabenbereich - ein
hervorragender Orchestererzieher gewesen sein. Man hört das seiner
"Leonora" an. Da fordert er die Musiker in damals unüblicher Virtuosität,
verzahnt vokale und instrumentale Stimmen, setzt damit auch beim
Dirigenten absolute Souveränität voraus. In Dresden, als Hofkapellmeister,
auf dem Höhepunkt seiner Karriere, schrieb er diese "Leonora" 1804. Das
Libretto geht, wie das von Sonnleitner für Beethoven geschriebene, auf
Jean Nicolas Bouilly zurück. Wir kennen also, auch wenn bei Paer
italienisch gesungen wird, jeden Satz. Und doch ist alles ganz anders.
"Leonora" trägt den Untertitel "Fatto storico", der historische Bezug
spielt trotzdem keine Rolle. Wichtiger bleibt das Selbstverständnis als
"semiseria": Marcellina wird dadurch aufgewertet, sie platzt als rettender
Engel ins Gefängnis. Elizabeth Magnuson spielt in Winterthur eine
quietschfidele Wasserstoffblondine und bewältigt den anspruchsvollen
Vokalpart mit Schmelz und Selbstironie. Jacob Will, stimmlich weniger
souverän, darf als Giachino mit huffonesker Hartnäckigkeit um sie werben.
Am Ende bekommt er sie auch: seine gezähmte Widerspenstige.
Der Bruch zwischen Kleinbürgerenge und ausladender Utopie, an dem der
"Fidelio" in vielen Aufführungen krankt, bereitet Paer keinerlei Probleme.
Erstaunlicherweise auch der Schweizer Erstaufführung nicht, die das
Opernhaus Zürich in Winterthur ausrichtet. Die Mittelwand der von Renate
Martin und Andreas Donhauser gebauten Drehbühne lässt sich verschieben und
zeigt die Korrespondenz zwischen Gefängnis und Alltag - oft mit viel
Ironie. Der Wäscheständer im Hofe Rocco funktioniert genauso automatisch
wie die Sicherheitstüre des Staatsgefängnisses. Und spätestens wenn eine
Gruppe schriller Teenies ihre Bekannten hinter Gittern besucht, wissen
wir: In dieser Welt kann jeder ganz schnell Staatsgefangener werden.
Paers Figuren sind keine Ideenträger' (ein Chor als oratorisches
Ausrufezeichen stand ihm überhaupt nicht zur Verfügung), sondern
psychologisch plausible Gebilde aus Fleisch und Blut. Dort setzt Regisseur
Michael Sturminger an. Er erzählt zunächst einmal klar die Geschichte von
Leonoras Verwandlung in Fedele und entwickelt dann mit seinen
Protagonisten Station für Station des Dramas. Dabei bleiben Julia Isaev
und Jonas Kaufmann immer natürlich. Sie findet schöne vokale Bögen,
erinnert in ihrer stillen Konzentration und nicht nur wegen der
Gesichtszüge an Vesselina Kasarova. Er gehört ohne Frage zu den
begabtesten lyrischen Tenören seiner Generation. Das dunkel leuchtende
Timbre bleibt sofort im Gedächtnis haften. Manchmal klingt ein Heroismus
durch, der auf Beethovens Florestan zu zielen scheint und den Paer nicht
meint. Hoffentlich ist hier nicht der Wunsch der Vater des Klanges: Wenn
Kaufmann im lyrischen Fach bleibt, wird er kaum Konkurrenz zu fürchten
haben. Dem Rocco gesteht Paer weniger Profil zu als Beethoven (seine Arie
entfällt), und Oliver Widmer bekommt die Rolle auch nicht klar in den
Griff.
Schwerer hat es allerdings Pizzarro, der sich bei Paer mit zwei "zz"
schreibt und als koloraturgesättigte Tenorpartie ausfällt. Ein Prinzip des
Bösen kann so kaum aus ihm werden. Auch zum Tyrannen nach Prinzip der
Opera seria fehlt ihm die Musik. Die Partie (von Roberto Iuliano nicht
ganz bewältigt) zeigt am deutlichsten, wieviel Innovationskraft in
Beethovens Version des Stoffes steckt. Allein an der Behandlung der
Koloraturen ließe sich Beethovens neuer Weg hier festmachen und auch
daran, wie er den musikalischen Moment mit Bedeutung auflädt. Andererseits
ist uns nach den Revivals von Rossini und Barockoper ein Aufbau, bei dem
dramaturgische Stringenz nicht das Maß aller Dinge ist, wieder näher
gekommen. Und wenn man hört, wie Paer in Fedeles Arie die Hörner einsetzt,
wie dann - zur Wiedervereinigung des Protagonistenpaares - die Flöte ihren
großen Solomoment hat, dann öffnet sich ein ganzes Panorama der Oper
zwischen Cherubini und Cimarosa. Das Musikkollegium Winterthur unter
Nicholas Cleobury ist sich dessen wohl bewusst und hört in die Klangfarben
sensibel hinein.
In Beethovens Nachlass fanden sich die Noten zu Paers "Leonora". Und warum
enthalten uns so viele Theater vor, was ihm wichtig war und weiterhalf?
Statt eines mühsam gewuchteten "Fidelio" wäre das brillant bewältigte
Kammerstück der "Leonora" oft die bessere Lösung. |
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| SINGEN UND
SPIELEN MIT LAUNE |
| Benefizkonzert für „Indienhilfe Kaiserslautern“ in
Germersheimer Stadthalle |
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Wenn
ein derart populärer Mann wie unser Pfälzer FIFA-Schiedsrichter Dr. Markus
Merk zum Benefizkonzert für die von ihm gegründete „Indienhilfe
Kaiserslautern“ nach Germersheim in die Stadthalle ruft, dann kommen auch
viele, die nicht viel mit Fußball zu tun haben, sich aber allein schon der
Sache wegen mit ihm solidarisieren. In der Tat verdient die von Merk,
seiner Frau Birgit und dem zweimaligen Olympiateilnehmer Hans Thomas
ehrenamtlich geleistete Hilfe für das Kinderdorf Sogospatty jede
Unterstützung, weshalb Ministerpräsident Beck auch gern die
Schirmherrschaft übernahm. Die Spendensumme von 17 000 Mark hätte aber
noch höher ausfallen können, hätte man sich nicht im Verhältnis zu anderen
Benefizveranstaltungen mit dem gleichen Anspruch viel zu billig verkauft.
„Nur“ 40 bis 6o Mark wurden als höchste Eintrittspreise verlangt.
Und dafür präsentierten die Frankfurter Sinfoniker unter Günther Gräf ein
ausgesprochen qualitätvolles Opern- und Operettenprogramm mit einem
Hochkaräter unter den drei Gesangssolisten, dem 31-jährigen Jonas
Kaufmann, dem inzwischen weltweit beachteten neuen Shooting-Star in der
Welt der Tenöre. Der orchestrale Auftakt mit dem „Carmen“-Vorspiel geriet
schon sehr effektvoll, übertroffen noch vom Einstieg in den zweiten
Konzertteil mit der „Fledermaus“-Ouvertüre. Gräf verstand es, die
instrumentalen Puppen tanzen zu lassen und das Eingängige und Bekannte mit
musikantisch geschärftem Profil zu versehen. Den Frankfurter Sinfonikern,
hervorgegangen aus dem ehemaligen Frankfurter Rundfunkorchester, hörte man
immer noch die Erfahrung mit den entlarvenden Mikrophonen an. In jeder
Nuance nervig-gespannt spielten sie mit solcher Rasse und Schliff, dass
zwei Stunden wie im Flug vergingen.
Selten zu hörende Belcanto-Tugenden zeichneten die charaktervoll
klang-reiche, baritonal gefärbte Tenorstimme Jonas Kaufmanns aus.
Geschmeidige Registerübergänge, ebenmäßig gestaltete und mühelos
beherrschte Höhen schlugen einmal mit feinsten Pianowerten in Bann und
überwältigten dann wieder durch ihre immense Strahlkraft. Vorzüglich
gelang ihm dabei der Ausdruck lyrischer Empfindsamkeit.
Mit ihrer füllig glutvollen, beachtlich wohlgeformten Mezzosopranstimme
konnte ihm Margarete Joswig, derzeit in Saarbrücken im Engagement,
durchaus Paroli bieten. In der „Carmen“-Habanera brachte sie recht
überzeugend auch die stimmgestalterische Raffinesse für die verführerische
Figur über die Rampe, im „Orlofsky“-Couplet aus der „Fledermaus“ sprühte
sie vor Laune und verlieh dem „Abendsegen“-Duett aus „Hänsel und Gretel“
bestimmend stimmliches Profil. Die 18-jährige Sopranistin Valontina
Pennino aus Mannheim wagte sich daneben selbstbewusst an Rossini und
Puccini, zeigte ausbaufähige stimmliche Anlagen mit klangfarblichen
Defiziten in den Höhen.
Der blendenden Verfassung der Solisten und der Spiellaune des Orchesters
gegenüber geizte das beifallfreudige Publikum nicht mit Anerkennung, der
wieder schmissige Strauß-Zugaben bis zum unvermeidlichen Radetzki-Marsch
folgten. (es) |
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| Besucher von
Benefiz-Gala begeistert |
| GERMERSHEIM: „lndienhilfe“ von Dr. Markus Merk erhält
Spende in Höhe von 17000 Mark — Stadthalle nur spärlich besetzt |
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Wundersame Klänge füllten am Sonntagabend bei der
Benefiz-Gala zu Gunsten der Indienhilfe Kaiserslautern e.V. die nur zur
Hälfte besetzte Stadthalle Germersheim. Das Publikum hatte die
Gelegenheit, einem musikalischen Genuss der Spitzenklasse beizuwohnen: Es
spielten die Frankfurter Sinfoniker und Mitglieder der Staatsphilharmonie
Rheinland Pfalz unter der Leitung von Günther Gräf.
Weiter ließen sich die Gäste von den Stimmen dreier junger Solisten
verzaubern: Valentina Pennino, Jonas Kaufmann und Margarete Joswig, drei
Sänger, die ansonsten auf den großen Bühnen der Welt auftreten. Die
Künstler warteten mit einem großen Repertoire auf: Georges Bizets „Carmen“
über Gioachino Donizettis (!?) „Der Babier von Sevilla“ bis hin zu Werken
von Johann Strauß.
„Diejenigen, die nicht da waren haben eine künstlerische Hochleistung
verpasst“, sagte Hans Thomas, 2. Vorsitzender der lndienhilfe, der die
Veranstaltung auf die Beine gestellt hat. Zweieinhalb Jahre haben die
Vorbereitungen, von der Ideenfindung bis zum Konzertabend, nach Aussage
von Thomas gedauert. Sichtlich enttäuscht, dass einige Plätze unbesetzt
waren, sagte Hans Thomas, dass es für solch „eine Qualität, die nur in
Großstädten zu sehen ist“ doch noch weitaus mehr Gäste hätten sein können.
Thomas, der im Vorfeld mit den Künstlern verhandelt hatte, versicherte,
dass die Karten weit unter Wert angeboten worden seien, da die Musiker
sehr entgegen kommend gewesen wären. Der Erlös dieses Abends werde in
Indien vor Ort zur Unterstützung des Kinderdorfes „Sogospatty“ eingesetzt.
Während der Veranstaltung erhielt die Indienhilfe des
Fußball-Schiedsrichters Dr. Markus Merk einen Spenden-Scheck im Wert von
17.000 Mark. Thomas beteuerte, dass die ganze Summe ohne Umwege direkt dem
Projekt zu Gute komme.
Laut Familie Klaus Becker aus Mannheim konnte man mit dem Konzertbesuch
„zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlagen: Für einen guten Zweck spenden
und sich von einer „künstlerisch hochanspruchsvollen Darbietung“ verwöhnen
zu lassen. Klaus Becker rühmte auch die Leichtigkeit, die dieses Konzert
unter dem Publikum verbreitete.
Dem Orchester und den Solisten gelang es, dass Publikum in alle
Gefühlslagen zu versetzen: Energiegeladene Stücke wurden von zarten,
melancholischen Klängen abgelöst. Am tosenden Beifall war unschwer zu
erkennen, dass die Gäste Gefallen an der musikalischen Darbietung fanden.
Auch für Claudia und Lothar Müller, für die die Benefiz-Gala das erste
klassische Konzert war, hat sich die Anreise aus Homburg gelohnt. „Ganz
großartig“ beurteilen sie das musikalische Erlebnis. Überraschend für die
Hörer war, dass gegen Ende der Veranstaltung das Publikum in das Geschehen
aktiv mit einbezogen wurde: Der Dirigent forderte die Gäste auf, in das
„Tninklied“ aus dem ersten Akt von Verdis „La Traviata“ mit einzustimmen.
Wohl wegen mangelnder Italienisch-Kenntnisse zogen es die meisten jedoch
vor, den Gesang der Solisten mit energischem Klatschen zu begleiten.
Nach diesem Finale und etlichen vom Publikum geforderten Zugaben bedankten
sich die Zuhörer mit viel Beifall bei den Künstlern. „Live ist eben live“
lautete das Resümee von Friedmann Stark aus Römerberg zu dem gelungenen
Abend. (gmax) |
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