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| FAZ, 16. Januar 2010 |
| CHRISTIAN WILDHAGEN |
Massenet: Werther, Paris, 14. Januar 2010
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So schön sterben nur Tenöre
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Jonas Kaufmann und Sophie Koch setzen Glanzlichter in Benoît Jacquots
musealer Inszenierung von Massenets "Werther" an der Pariser Bastille-Oper |
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Insgeheim haben es die Deutschen nie ganz verwunden, dass die Opernfassungen
von gleich mehreren zentralen Werken Goethes aus der Feder von französischen
Komponisten stammen. Das prominenteste Beispiel sind die überaus
bühnenwirksamen "Faust"-Adaptationen von Gounod und Berlioz, aber auch der
1892 uraufgeführte "Werther" von Jules Massenet gehört dazu. Warum man viele
dieser Werke im deutschen Sprachraum lange belächelt hat, liegt auf der
Hand: Die geistige Spannweite der Goetheschen Dichtungen schien mit dem
unterhaltenden, bisweilen durchaus kulinarischen Geist der französischen
Operntradition unvereinbar.
Dass das jedoch kein unüberwindlicher Gegensatz sein muss, haben kluge
Interpretationen dieser Goethe-Opern immer wieder unter Beweis gestellt,
indem sie über die notgedrungen verkürzenden und verflachenden Libretti
hinaus stets den gedanklichen Horizont der poetischen Vorlagen im Blick
behielten. Für den "Werther" gelangen auf diese Weise etwa Harry Kupfer in
Hamburg oder Willi Decker in München mustergültige Lesarten. Auch die
Pariser Oper führte noch 2009 eine geistreiche und bildermächtige Produktion
von Jürgen Rose im Repertoire, die geschickt auf die im Libretto eliminierte
höhere Ebene bei Goethe – nämlich die gebrochene, indirekte
Erzählperspektive des Briefromans – Bezug nahm.
Mit solchen intellektuellen Vertiefungen hält sich die Neuinszenierung von
Benoît Jacquot an der Opéra Bastille nicht lange auf. Überhaupt ist dem
Film- und Fernsehregisseur bei seiner ersten Opernregie derart wenig zum
"Werther" eingefallen, dass man am liebsten den Mantel des Schweigens über
dieses leidlich unbeholfene szenische Arrangement breiten würde – erschiene
das ganze nicht mittlerweile symptomatisch für die ästhetische Rolle
rückwärts, die an der Pariser Oper mit dem Abgang von Gerard Mortier
vollzogen wird. Schon der biedere Einstand des neuen Generalintendanten
Nicolas Joel mit Gounods "Mirelle" hatte in dieser Hinsicht ja nichts Gutes
ahnen lassen – mit dem neuen "Werther" ist Frankreichs wichtigste Musikbühne
nun vollends zum Opernmuseum mutiert.
Da wird mit den Händen gerungen, an der Rampe gelümmelt und ins Publikum
geschmachtet, dass man ob solcher sattsam bekannter Déjà-vus lauthals lachen
möchte, wäre das Ganze nicht so traurig. Die Sänger scheinen sich, von der
Regie alleingelassen, über weite Strecken selbst zu inszenieren – was
entsprechend ungelenk aussieht. Und mit Ausnahme des vierten Aktes, Werthers
Tod, wo eine derart naive und eindimensionale Bebilderung wegen der schieren
emotionalen Kraft der Musik erstaunlicherweise funktioniert, bleibt das
übrige Spektakel leere, leblose Staffage, veranstaltet vor fraglos teuren,
aber ebenso leblosen Kulissen (Charles Edwards).
Möglicherweise steckt dahinter jedoch Absicht: Wollte man hier im wahrsten
Sinne die Bühne freiräumen für zwei Weltstars, auf dass die ihr Können
unbehelligt von allem störenden Regiefirlefanz vorführen könnten? Mit
Jonas Kaufmann in der Titelpartie und der französischen Mezzosopranistin
Sophie Koch als tragisch-liebender Charlotte bietet die Aufführung
tatsächlich zwei zugkräftige, musikalisch überaus vielversprechende Namen
auf. Vorbehaltlos eingelöst werden die Erwartungen freilich nur von
Sophie Koch. Sie versteht es, der Rolle auch ohne weiterreichende szenische
Führung ein klares, stellenweise ergreifendes Profil zu geben. Ihre große
Briefszene am Beginn des dritten Aktes und das von Saxophonklängen umflorte
Arioso "Les larmes, qu'on ne pleure pas" werden zu vokalen Höhepunkten des
Abends. Nicht zuletzt ihr erschütterter Ausruf in der Sterbeszene "Werther!
Ah! Tout est fini!", schmerzhaft kontrastiert vom überschwänglichen
Weihnachtsjubel der Kinder, bleibt lange im Ohr.
Hier am Schluss gelingen dann auch Kaufmann die intensivsten Momente: Er
hält Werthers opernhaftes Sterben durchweg in einem fahlen, fast tonlosen
Piano – besonders eindringlich bei seiner direkt von Goethe übernommenen
Beschreibung des Sündergrabes am Wegesrand ("Si cela m'etait refusé"). Wie
eine Wohltat wirkt diese extreme, völlig uneitle Zurücknahme, nachdem
Kaufmann zuvor immer wieder sein Heil in der großen, tenoralen Geste gesucht
hatte. Durchaus beeindruckend und erfreulich sicher klingt das, etwa beim
Paradestück "Pourquoi me réveiller" oder der bis zum strahlenden Spitzenton
gesteigerten Anrufung des Schöpfers ("Appelle-moi!") am Ende des zweiten
Aktes – und bleibt doch weit von der kontrollierten Ekstase eines Nicolai
Gedda oder der stilistischen Eleganz eines Alfredo Kraus entfernt.
Hier gibt es bei Kaufmann hörbar noch Verfeinerungs- und
Entwicklungspotential. Freilich bedürfte es dazu eines entschieden
weniger phonstark dirigierenden Partners im Graben. Doch Michel Plasson
heizt dem Pariser Opernorchester ohne allzu viel Rücksicht auf die
instrumentatorischen Finessen der Partitur ein, als gelte es, zumindest
musikalisch um jeden Preis den Staub aus dieser rundweg musealen
Veranstaltung zu blasen.
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