Reutlinger Generalanzeiger
OTTO PAUL BURKHARDT
Verdi: I Masnadieri, Philharmonie Filderstadt, Herbstliche Musiktage Bad Urach, 23.10. 2005
Räuber im Dreivierteltakt
FESTIVAL / Schiller-Vertonungen beim Uracher Herbst
Klein, überschaubar, doch mit überregionaler Strahlkraft: Der Bad Uracher Musikherbst glänzt wieder als Fest der Stimmen - im Austausch von Stars und Jungtalenten.
Zum Beispiel Jonas Kaufmann: Der 36-jährige Weltklasse-Tenor hat Anfang der 90er bei den Herbstlichen Musiktagen einen wichtigen Karrierehüpfer getan. Er begann damals als Kandidat unter vielen - im Uracher Meisterkurs bei Festivalgründer Hermann Prey. Heute singt er in der Stuttgarter "Traviata", gastiert in Wien, Paris und an der Met. Oder Franz Hawlata. Auch er zählt zu den Stammgästen. 2007, erfährt man, wird er wohl in Bayreuth den Hans Sachs singen - in den "Meistersingern", inszeniert von Wagner-Urenkelin Katharina. Nicht dass sie alle just im Ermstal angefangen hätten - aber der Musikherbst in Urach gab ihrer Sängerlaufbahn einen frühen, prägenden Kick. Das Fachwerkstädtchen in reizvoller Umgebung habe, so sagen sie, etwas Poetisch-Inspirierendes, frei nach Mörikes Lobeshymne "Besuch in Urach". Das verschlankte Festival umfasst heute neun Konzerte - in üppigeren Zeiten waren es an die zwölf. Dieses Jahr boten die Musiktage zum Thema Schiller etliche Raritäten auf. Etwa das von Max Bruch vertonte "Lied von der Glocke" (1878/79). Einst beliebt bei Oratorienvereinen, dann erstarrt in betulicher Liedertafel-Praxis, verschwand es in den 60ern von den Programmen. Die Uracher Aufführung mit dem Münchner Motettenchor und dem Philharmonischen Orchester Halle unter Hayko Siemens rehabilitiert das Opus nach Kräften. Sicher, auch Siemens inszeniert die großen Effekte - malt die "schöne Zeit der jungen Liebe" in schwelgerischen Harmonien, entfacht die apokalyptische Feuersbrunst als züngelndes Klanginferno. Doch abseits von solcher Tonmalerei setzt Siemens den Akzent auch auf Passagen, in denen Schiller die Vision einer friedlichen Bürgergemeinschaft entwirft - als Gegenutopie zu den von ihm verhassten Gewaltexzessen der Französischen Revolution. "Holder Friede, süße Eintracht" heißt es dann, und es sind jene "schönen" Stellen, in denen das exquisit wohltönende Solistenquartett regelrecht die Zeit still stehen lässt (Michaela Kaune, Margarete Joswig, Donát Havar und Detlef Roth) - immer an der kippligen Schwelle zwischen braver Idylle und romantischer Musikemphase. Fettes Blech Die Musiktage rückten noch eine Wiederentdeckung ins Blickfeld: Verdis Oper "I Masnadieri" nach Schillers "Räuber" (1847), wobei man wissen sollte, dass der Librettist Andrea Maffei das mit freiheitlichen Ideen spielende Sturm-und-Drang-Drama zur privaten Familientragödie, zur Plattform für Belcanto-Fülle verkürzt hat. So kommts, dass der Bösewicht Francesco seine Mordpläne in beschwingtem Walzertakt verkündet. Dennoch: Roberto Paternostro haucht beim Musikherbst der selten aufgeführten Verdi-Oper wieder jenen Aufbruchsgeist ein, den einst das Original-Drama atmete. Paternostros einstiges Orchester, die Württembergische Philharmonie Reutlingen, dramatisiert den Vierakter mit den Stuttgarter Choristen zum rasanten Thriller - fettes Blech, seufzende Geigen, kernige Chöre und schmachtende Celli. Der vielversprechende Newcomer Andriy Maslakov zeigt Francesco als verwundete Seele. Und Jonas Kaufmann porträtiert Carlo vieldeutig schillernd als furiosen Rebellen und grandiosen Melancholiker im Angesicht eines Sonnenuntergangs - eine tenorale Glanzleistung. Fazit: Schillers Ideen und Verdis Schmelz gehen nicht ganz zusammen. Doch die Oper bietet eine Fülle eingängiger Melodien. Und so hat sich die Uracher Wiederentdeckung dennoch gelohnt.






 
 
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