|
|
|
|
|
|
|
| Frankfurter Allgemeine Zeitung |
| HARALD BUDWEG |
Bach: Matthäus-Passion, Frankfurt, Alte Oper, April 1995
|
Kein Ort für Stilpuristen
|
| Enoch zu Guttenberg dirigiert Bachs
Matthäus-Passion |
|
Viele Frankfurter Musikfreunde erinnern sich
noch an Enoch zu Guttenberg. Der Gründer (1967) der Chorgemeinschaft
Neubeuern war von 1980 bis 1988 Leiter des Cäcilienchors und sorgte hier für
einige Aufregung durch unkonventionelle Bach-Interpretationen, mit denen er
ungewöhnlich dramatische Akzente setzte. Seine künstlerische
Außenseiter-Position war ehrenwert und gewichtig genug, um vielfältige und
kontroverse Diskussionen in der Fachwelt auszulösen. Daß sein Nachfolger
Christian Kabitz diesen Weg nicht weiterschreiten würde, war allen klar.
Guttenberg ist längst entschwunden, hat aber gewissermaßen noch einen Koffer
in Frankfurt, denn er wird regelmäßig vom Konzertveranstalter Helmut Pauli
eingeladen, im Rahmen der "Wiener-Klassik"-Konzertreihe in der Alten Oper zu
konzertieren. Zwar hat Bach mit der Welt Haydns und Mozarts nicht allzuviel
gemein, doch verschieben sich in der Art, wie Guttenberg sich der
Matthäus-Passion annimmt, Stilkategorien ohnehin.
Die Merkmale seiner Aufführung fügen sich nur schwer zum einheitlichen Bild.
Guttenberg setzt auf Kontraste, die manche vielleicht als Geschmacksgrenze
empfinden, die sich musikalisch aber auch unter seriösesten Maßstäben immer
rechtfertigen lassen. Der Tonfall ist einerseits romantisch verschleiert,
andererseits impulsiv, von opernhaft zugespitzter Dramatik und voller
Akzentuierungen, die schmerzlich bildhafte Vorgänge der Leidensgeschichte
Jesu durch Hervorhebung dissonanter Durchgänge in den Vordergrund rücken.
Manche Rezitative dagegen erhalten einen Hauch von Originalklang-Praxis
durch Verwendung eines trocken-silbrigen Gambenklangs. Andere Stellen der
Partitur steigert Guttenberg, als dirigiere er Puccini in der Arena di
Verona.
Gewiß: Das war kein Abend für Stilpuristen und vielleicht auch keine
akzeptable Sicht für tiefgläubige Menschen, die wahrscheinlich ohnehin die
Kirche als Aufführungsort bevorzugen würden. Das alles ändert aber nichts
daran, daß Guttenbergs so heterogene Elemente zusammenzwingende Darbietung
zu einer der spannendsten und kurzweiligsten Aufführungen dieses mehr als
dreistündigen Riesenwerks wurde. Daß sie den Stempel der Genialität eines
krassen Außerseiters der Bach-Exegese trug, kann und soll kein Manko sein.
Daß von ihr passagenweise ein so faszinierender Sog ausging, wäre ohne das
Musizieren auf hohem Niveau kaum möglich gewesen. Die erst 1992 gegründete
Kammerphilharmonie des Mitteldeutschen Rundfunks Leipzig nahm Guttenbergs
Impulse - von minimalen Irritationen abgesehen - ebenso auf wie der bestens
eingestimmte professionelle Chor des MDR, der vom Kinderchor des Senders
tatkräftig unterstützt wurde. Wesentlich uneinheitlicher dagegen das
Solistenensemble: Die großartigste Leistung ging von dem Baß Thomas
Quasthoff aus, der sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr zu einer
führenden Sängerpersönlichkeit entwickelt hat. Sein unverwechselbarer
gestalterischer Umgang mit dem spezifischen Ausdrucksgehalt des gesungenen
Textes war ein Pluspunkt auch dieser Aufführung, den man nicht missen
möchte.
Angenehm zu hören war das leichte, offene Tenor-Timbre des Evangelisten
Ludwig van Gijsegem, das nur gelegentlich an Ausdrucksgrenzen stieß. Um
so mehr fiel das opernhafte Outrieren des Arien-Tenors Jonas Kaufmann ab,
der nach seinem indisponiert vorgetragenen Rezitativ "O Schmerz" allerdings
mehr Vorsicht walten ließ und sich so besser in den Ensemblegeist fügte.
Dietrich Henschels Bariton verlieh der Christus-Partie die Sonorität eines
souveränen Weisen. Von den Damen überzeugte die Magdeburger Altistin Ulrike
Helzel vollkommen, während der etwas flackernde Sopran Edith Lienbachers
leichte Unsicherheit verriet. An dieser Aufführung der Matthäus-Passion gäbe
es noch manches zu diskutieren. Daß sie ein Glanzlicht im Frankfurter
Kulturleben war, werden auch jene eingestehen, die mit Guttenbergs Auslegung
unzufrieden sind. |
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|
|