Königskinder
Märchenoper in drei Aufzügen
von Engelbert Humperdinck
Text von Ernst Rosmer (Elsa Bernstein-Porges)

Uraufführung: 28. Dezember 1910,
Metropolitan Opera House, New York



Personen
Der Königssohn, Tenor
Die Gänsemagd, Sopran
Der Spielmann, Bariton
Die Hexe, Alt
Der Holzhacker, Bass
Der Besenbinder, Tenor
Sein Töchterchen, Sopran
Der Ratsälteste, Bariton
Der Wirt, Bass
Die Wirtstochter, Mezzosopran
Der Schneider, Tenor
Die Stallmagd, Alt
Zwei Torwächter, Bariton
Eine Frau, Mezzosopran

Volk, Ratsherren und Ratsfrauen, Bürger und Bürgersfrauen, Handwerker, Spielleute, Mädchen, Burschen, Kinder.
 
1. Akt
2. Akt
3. Akt


Erster Akt
Einleitung zum Ersten Akt
Der Königssohn

Kleine sonnige Waldwiese. Den Hintergrund schliesst das Hellagebirge ab. Links vorn steht die Hexenhütte. Das vorspringende Dach ist mit hängendem Moos bewachsen, feiner blauer Rauch steigt aus dem schiefen, verrosteten Schornstein. Ein gelber Kater  hockt daneben, ein Rabe mit gestutzten Flügeln läuft auf dem First hin und her. Umgeben ist die Hütte von einem Gemüse­gärtchen, niedrig eingezäunt mit dürren Tannenästen; in der vorderen Ecke wächst ein hoher Lilienstengel empor, der eine einzige noch geschlossene goldene Knospe trägt. Im Hintergrund ein laufender Röhrbrunnen. Den Trog bildet ein bemooster  angefaulter Baumstamm. Links vom Brunnen ein Felsblock als Sitz. Nach vorne hat sich durch das absickernde Wasser ein Tümpel gebildet, in welchem flache Steine zum Drüberspringen liegen. Weiterhin ist die Erde schwarz und nass, mit Spuren von Gänsefüsschen gemustert. Einige der zwölf wilden Gänse patschen im Tümpel, andere zupfen Gras oder glätten sich mit dem Schnabel die Federn. Rechts vorn schattet ein uralter Lindenbaum über einem kleinen Grashügel; in einem grossen Astloch befindet sich ein Nest wilder Turteltauben. Unter dem Baum liegt die Gänsemagd auf dem Bauch, die nackten Füsse abwechselnd auf und niederschlagend. Sie trägt einen kurzen, zerrissenen braunen Rock. Um den Kopf ist ein verschossenes rotes Tuch gewunden, nach rückwärts in zwei Zipfel geknüpft. Die Haare sind völlig versteckt, nur ein paar wilde, goldblonde Locken fallen über die Stirne. An einem der unteren Lindenzweige hängt ein halbfertiger Kranz aus Waldblumen, im Gras liegt ein Haselstecken. Eine Turteltaube fliegt gurrend aus dem Astloch empor. Die Gänsemagd hat sich ein paar Gänseblüm­chen zwischen den Zähnen durchgezogen und summt leise Töne vor sich hin. Sie blickt auf stemmt den Kopf in die recht Hand, hascht nach den fallenden Lindenblüten und fährt mit der linken in den tanzenden Sonnenstreifen hin und her.


Hexe
steckt den Kopf durch das offene Fenster

He, Trulle! Wo mag sie nur stecken?
Die dachsfaule Dirne.

Gänsemagd
ohne sich zu rühren

Liege im Blumengras,
Muss der Sonne zum Tanze singen.

Hexe
droht aus dem Fenster

Soll der Stock dir über den Rücken springen?
Und die Gänse? Verlaufen im Wald sich?
In den Hecken! In dem Garten! Wirst du sie jagen?

Gänsemagd
springt auf und nimmt den Haselstecken

Ksch! Ksch! Wieder die lustige Graue!
Ksch! Ksch! Hinaus aus dem Garten!
Ksch! Wie sie wackelt! Soll ich dich schlagen?
Sie jagt die Gans hinaus; die Hexe verschwindet vom Fenster.

Müsst hübsch um Wiese und Brunnen bleiben.
Steigt Grossmutter der rote Zorn,
Krieg‘ ich Schläge mit Stecken und Dorn.
Folgt mir, meine lieben Gänslein!
Beim Federrupfen geb‘ ich fein acht,
Mach‘ es gelinde, sage:
Die Hälfte flog fort im Winde in der Nacht.
Sie streichelt die Gans.

Hexe
tritt in die Türe

Hinein!
Hab dir Eichelnäpfe zurechtgelegt zum
Kuchenbacken.

Gänsemagd
Muss drinnen sein?
Ist so dunstig und dunkel.

Hexe
Dass dir die Augen überquellen
Von dem Sonnengefunkel!
Die Nacht ist schön,
Wenn auf mondbleichen Höh‘n
Von giftiger Milch die Kräuter schwellen.
Und du liebst Sonne und wehenden Wind!
All Nöten und Müh‘n schafft aus dir kein
Hexenkind.

Gänsemagd
ist mit gesenktem Kopf ins Gärtchen gegangen

Gehe schon.
Sie bleibt vor der Lilie stehen.

Grossmutter, schau!
Ist meine Blume krank?
Sie will nicht blüh‘n wie die andern, gross und klein.

Hexe
Ist der stolzen Blume wohl zu gemein.

Gänsemagd
unter der Tür stehend

Jeden Morgen beim Begiessen
Tu‘ ich ihr einen Bittgesang,
Und sie will sich doch nicht erschliessen.
verschwindet in die Hütte

Hexe
blickt in die Hütte

Tummle dich! Flink!
Bist du sohlenmatt?
Hast du die Schüssel?
Und Mehl?
Und Gewürze?
Die Gänsemagd kommt aus der Hütte, in der linken Hand den Kupferkessel, in der rechten eine Tonschüssel mit Eichelnäpfchen und Mehlbeutelchen.

Hexe
schaut ihr nach

Wie der Stolz ihr den Nacken trägt!
Sie stösst heftig mit dem Stock auf

Bücke dich, einfältige Schürze!
Die Gänsemagd zieht den Nacken ein und geht zum Brunnen.

Hexe
ihr näher kommend

Hast dich wieder geputzt und gepflegt
Und geringelt die gelben Locken!
Die Gänsemagd stellt die Schüssel am Brunnen ab, kniet auf einen Stein und scheuert den Kessel mit Sand und Gras.

Gänsemagd
Meine weissen Blumen tragen Tau in den Glocken.
Möcht‘ eine tauweisse Blume sein,
Die schönste von allen.
Im Brunnenspiegel sah ich mich ein,
Hab mir wohl gefallen.

Hexe
Nun? Wirst du den Kessel spülen?
Ist der Brunnen nur gut als Spiegel?

Gänsemagd
steht auf und spült den Kessel im Brunnentrog ab

Grossmutter!
Wie lang ist‘s der Zeit, dass ich mit dir im Wald allein?
War so klein, langte nicht an der Tür den Riegel.
Dann mocht es gehn,
Stand ich auf Zeh‘n.
Und wie‘s zum ersten Mal mir geglückt,
War das heiter!
Wachs‘ ich so weiter?
In den Himmel hinein?

Hexe
hat sich auf den Felsblock am Brunnenrand gesetzt

Wärst du nur sinnengescheiter und merktest dir ein,
Was ich mit Mühen dich weise
Von heilendem Trank und giftiger Speise.
geheimnisvoll

Sollst heut ein gutes Hexenstück machen,
Doch darfst du dazu nicht singen noch lachen.
Feuchte das Mehl und knete ein Brot fest und rund.
Hier aus den Näpfchen schwarz und rot
Mengst du hinein zum guten Bund fein sacht!
Die Gänsemagd leert das Mehl in die Schüssel, schäpft Wasser mit der Hand und knetet, während sie abwechselnd roten und schwarzen Staub in den Teig schüttet und die leeren Näpfchen fortwirft.

Gänsemagd
Grossmutter, magst mich nicht gerne sehn.
Lass mich ein Sommerjahr ins Tal zu den Menschen gehn.
Müssen schön sein und freundlich und hold.
Gehst du hinunter, kommst heim gar munter.
Hab‘ eine solche Gunst zu ihnen.

Hexe
Grosse Gunst hab‘ ich ihrem Gold.
Denkst du, ich geh‘ die krummen Gassen
Um sie zu lieben? Um sie zu hassen!

Gänsemagd
Und sie mögen dich leiden?

Hexe
Sie fürchten mich.
Die Furcht lässt sie den Hellawald meiden.

Gänsemagd
Aber ich? Hab‘ ihnen nichts getan.
Ich lauf hinunter und schau sie an.

Hexe
steht auf

Begehr‘ es!
Im Zauber stehen Baum und Strauch.
Die halten dich.
Der Boden sengt dir mit heissem Hauch
Ferse und Zeh‘n.
Willst du gehn?

Gänsemagd
Ach, was ist mir doch solche Not!
Kann nicht, was ich mag!
Mag nicht, was ich kann!
Da ist das Brot.
Sie will der Hexe das Brot geben, besinnt sich aber und schwingt es dreimal über den Kopf

Wer davon isst, mag das Schönste sehn, So er wünscht, sich zu geschehn.
Sie gibt ihr das Brot.

Hexe
Nun sieh mit klugen Augen an, was du geknetet.
Es wird nicht hart, es wird nicht alt,
Verliert nicht seine schlimme Gewalt.
Wer es hälften isst, stirbt ganzen Tod.

Gänsemagd
Und das Sprüchlein, das ich drüber gebetet?

Hexe
Macht keinem die Wangen wieder rot.
geht nach der Hütte

In heimlichem Kästchen werd‘ ich‘s begraben.

Gänsemagd
Grossmutter! Nein! Ich will‘s nicht haben!

Hexe
Lass dein Schrei‘n!
Sie tritt in die Hütte.

Gänsemagd
geht nach der Linde

O liebe Linde, wie ist mir schwer.
Singe, mein Vöglein, singe,
Ich mag nicht tanzen mehr.
Wo ich steh‘ und geh‘,
Sind der bösen Dinge,
Das geschieht mir weh.
Sie setzt sich auf den Brunnenrand.

Hexe
kommt mit einem Binsenkörbchen aus der Hütte

Hinunter steig‘ ich zum schwarzen See,
Pilze und Würzlein suchen,
Graue Schnecken und Bilsenwürmer.
Ein roter Tau fiel mitternächtig,
Der macht die nassgrünen Molche trächtig.
Sie geht links am Brunnen vorbei ab.

Gänsemagd
ist aufgestanden, geht nach der Linde und nimmt das Kränzel vom Zweige

Ach, bin ich allein! Redet doch, ihr kleinen Blumen,
Ich möcht‘, ich möcht‘ eine Silberspindel.
Zwitsch‘re doch, liebes Vögelein! Fortgeflattert?
Sie greift in die Rocktasche.
Da sind Krumen.
schaut nach rückwärts

Und das Gänsegesindel? Putzt sich und schnattert!
ausbrechend

Ach, bin ich allein!
Sie setzt sich den Kranz auf

Mag mir das Kränzel zur Wange stehn?
holt unterm Brunnentrog einen Holzzapfen hervor und steckt ihn in die Röhre, dass das Wasser zu fliessen aufhört

Fliess nicht, Wasser, und halte still, Weil ich mich wohl besehen will.
Sie schwingt sich auf das flache Trogende und bespiegelt sich im Wasser.

Ei, bin ich schön! Ei, bin ich schön!
Sie klatscht in die Hände und ruft den Gänsen.

Kommt her! Kommt näher! Gefall‘ ich euch?
Die Gänse umdrängen sie. Im Bergwald kracht es wie von brechenden Asten. Sie erschrickt.

Horch! Hört ihr Grossmutter gehn?
Sie lauscht.

Nur Windgestöhn im Gesträuch.
Ei, bin ich schön! Ei, bin ich schön!
Dürft mich alle besehn um und um.
Sagt mir, wie schön ich bin.
Links vom Berghang herunter kommt der Königssohn, schlank, mit bartlosem, weissem Gesicht und grossen brennenden Augen. Verschossene Jägerkleidung, Armbrust und Köcher. Am Stock über der Schulter trägt er ein Bündel. Er kommt langsam und leise näher und sieht der Gänsemagd lächelnd ein Weilchen zu. Sie wiegt sich, neigt sich zu den Gänsen, lacht mit ihnen, besieht sich wieder im Brunnen und rückt den Kranz zurecht.

Königssohn
Ich biete dir gute Zeit, schöne Gänsekönigin.
Die Gänsemagd springt erschrocken vom Brunnen rand herunter. Die Gänse fahren auseinander. Sie starrt ihn sprachlos mit offenem Munde an und weicht zurück.

Königssohn
kommt näher

Nun, Waldmägdlein, bist du stumm?
Fremdest mich mit den Augen an.
Hast keinen freudsamen Gruss
Einem schlichten Wandersmann?

Gänsemagd
leise

Bist du ein Mensch?

Königssohn
Von Kopf zu Fuss.

Gänsemagd
Hab‘ ich noch keinen gesehn
Vor unsre Hütte gehn.
Weiss nicht, was ich dir sagen soll.

Königssohn
Mägdlein, wie hast du so roten Mund,
Doch aus schwarzem Herzensgrund
Kommt dir die Rede listevoll.
Hast wohl deine vierzehn Mai‘n,
Noch soll keiner gekommen sein?

Gänsemagd
Niemand kommt in den Zauberwald,
Nur Sommersonnen und Winterschneen.
Bin ich jung, Grossmutter ist alt,
Die hat Menschen gesehn drunt‘ im Tal.
Kommst von dort du herauf?

Königssohn
Nein, Mägdlein,
auf den Berg weisend

Herunter den Lauf.
Komm aus der Weite,
Von der anderen Seite.
Seit Nächten und Tagen
Muss ich mich da plagen.
weist lachend an sich herunter

Bin auch abgerissen.
Tauwasser und Wurzelkost,
Heisse Sonne und scharfer Ost,
Und zum Schlafen ein steinern Kissen.
Brr! Wollte mir nicht gefallen!

Gänsemagd
mit dem Blick darauf

Ist das ein Schwert?

Königssohn
auf das Heft schlagend

Geraten gut!
Nicht viel wert. Noch hat‘s keinen Namen.

Gänsemagd
Hast du Mut?

Königssohn
verwundert

So hätte meine Mutter mich gefragt,
Die hohe Frau im silberlichten Kleid.
Aber du? Bettelmaid!
Ohne Seide und Gold,
Armselig, und —
Sie hat den Kopf tief gesenkt und schlägt jetzt die Augen gross zu ihm empor.

Wie bist du hold!
Er bleibt in ihren Anblick verloren.

Königssohn
reisst sich los

Mich brennen zwei Sonnen, Das Auge des Himmels und deins.
geht einige Schritte vor

Bring mir einen frischen Trunk vom Bronnen!
Die Gänsemagd läuft an den Brunnen, zieht den Zapfen heraus und legt ihre Lippen an die Röhre.

Gänsemagd
So trink‘ ich, wenn mich dürstet.

Königssohn
an den Brunnen gehend

Ohne Glas und Becher?
Er trinkt.

Nun wieder du.
Sie trinkt.

Nun ich.
So werd‘ ich zum Zecher.
Ihre Lippen berühren sich. Sie fährt verwirrt zurück und geht

vom Brunnen fort.

Gänsemagd
Willst du nicht rasten?

Königssohn
mit einem brennenden Blick auf sie

Wo ist mir Ruh?

Gänsemagd
auf die Linde deutend

Unter der Linden.

Königssohn
tritt unter den Baum

Grün und kühl.
Doch ich muss dich zur Seite finden.
Er wirft Stecken und Bündel ins Gras und setzt sich.

Hier! Geschwind! Sitz nieder zu mir!
Er zieht sie herab.

Ich mache zum Pfühl dir Gräser und Blüten.
Will mit dir die Gänse hüten.
Er schwingt lachend seinen Stock.

Wenn mich so einer sähe!

Gänsemagd
Wo liefst du her?

Königssohn
schaut sie prüfend an

Heb‘ ich ein buntes Rätsel an?
Wahrheit oder Mär?
Bin ein lustiger Jägersmann.
Hinter dem Gebirge weit liegt ein Reich.
Wogende Felder, blau der Himmel, der Wind ist weich,
Fischreich die Flüsse, wildreich die Wälder,
Goldblumen über die Wiese gesät,
Wie eine einsam im Gärtchen dir steht.
All eine sonnenblüh‘nde Herrlichkeit!
Da bin ich in Diensten dem König gestanden.

Gänsemagd
Was ist ein König?

Königssohn
Das soll ich dir sagen?
Wahrlich, muss mich selber drum fragen.
Was tust du mit deiner Gänseschar?

Gänsemagd
Dürfen sich nicht verlaufen,
Nicht im Garten raufen,
Und wenn sie sich beissen,
Schlag‘ ich hinein.

Königssohn
Nun hellt es mir schon.
Du sitzt auf dem Hügel,
Er sitzt auf dem Thron.
Gänse musst du, er muss Menschen hüten,
Die Guten lohnen, die Trotz‘gen begüten.
Und wenn er‘s so recht versteht,
Und herzenshell über die Erde geht,
richtet sich unwillkürlich auf

Dann segnet er alles mit seinem Gebet.

Gänsemagd
schaut ihn an

Bist du der König?

Königssohn
Nein, zum König taugen nicht junge Knaben.
Einen langen Bart muss der König haben
Und ein wohlstehend ernstes Gesicht.
Das hab‘ ich doch nicht.
Lass dir sagen vom Königssohne.
In goldene Wiege geboren,
Wächst er heran mit der Krone,
Mit lauter köstlichen Dingen.
Er schläft in seidengesäumten Betten,
Sein Zelter geht in silbernen Ketten.
Er spricht, und die Weisen des Landes schweigen,
Alles gehorcht ihm mit tiefem Neigen.
Und kannst du dir solch einen Toren denken?
Ihn will es kränken, ihm macht es Trauer,
Dass rings um sein Reich eine goldene Mauer,
Fort! Hinaus! In der Morgenhelle,
Ohne Begleiter entflieht er dem schlafenden Königshaus.
Dummer Geselle!
Hungert und dürstet und härtet die Glieder.
Gebirge hinan, zu Tale wieder.
Im Bärenkampf wird er stark und kühn,
Wunden heilen, Narben erblüh‘n.
O der Gefahr unbändige Lust!
Mächtig bewusst wächst es ihm aus der Brust
Im brausenden Morgenwind:
Königskind! Echtes Königskind!
Kannst du den Narren verstehn?

Gänsemagd
sehnsüchtig

Möcht‘ mit ihm gehn.

Königssohn
schaut sie lächelnd an

König und Bettlerin?
Willst du das wagen?
Er hat einen wilden, viel stolzen Sinn,
Wird dich plagen,
Mit Liebe und Zürnen.
Hast doch den Mut?

Gänsemagd
Nein ... doch ich bin dir gut.

Königssohn
nimmt sie langsam in seine Arme

Willst du mein Maienbuhle sein, du
Blumenweiche?
Im weiten Reiche
Unter allen,
Den demütig schönen Frauen
Mochte meinem Schauen keine gefallen.
Unter der Linden
Beim Vogelgesang
Musst‘ ich in dir meinen Sommer finden.
Er küsst sie.

Gänsemagd
erschauernd

Du machst mir im Herzen heiss und im
Haupte bang.

Königssohn
Sprich leis.
Zu zweien allein,
Mein und dein,
Lass mich dich küssen und stille sein.
langer Kuss

Sie ruhen schweigend, dicht aneinander geschmiegt.

Ein Windstoss wirft der Gänsemagd den Kranz vom Kopf

Gänsemagd
aufschreckend und vom Hügel herabspringend

Der Wind! Hat den Kranz mir abgeweht!

Königssohn
nimmt ihn auf

Ihn mir zu spenden.

Gänsemagd
Nein, er vergeht, verwelkt dir in Händen.
Der Königssohn ist aufgestanden.

Gib wieder, gib! Ich will ihn nicht missen.
Sie fasst den Kranz, er lässt ihn nicht. Der Kranz zerreisst.

O weh, zerrissen!
Sie schlägt die Hände vors Gesicht.

Mir zum Grämen.

Königssohn
schiebt den zerrissenen Kranz vorn in sein Wams

Du süsses Kränzel, bist mir eigen.
Klag nicht, Mägdlein, will‘s verschweigen.

Gänsemagd
Muss mich schämen vor Wald und Aue.

Königssohn
Die sollen sich neigen meiner lieblichen
Fraue.
Er knüpft das Bündel auf und nimmt eine goldene Krone heraus.

Einer Königin warst du mitgenommen,
Eine Gänsemagd mag dich bekommen.
Gabst du dein grün‘ Gewind dem
Königssohne,
So schenkt er dem Bettelkind seine rote Krone.

Gänsemagd
weist sie mit der Hand zurück

Deine Krone hab‘ ich nicht begehrt,
Ein Ringlein treute mir besser.
Ich will nicht tragen, was ich nicht wert.
Mein grünes Kränzel war mir recht,
Deiner roten Krone bin ich zu schlecht.
Wie ein scharfes Messer wird sie mich schneiden.
O wie weh ist mir der Sinn!
Muss fühlen und spüren, wie arm ich bin!
Sie birgt ihr Gesicht in der Hand.

Königssohn
Darf sie dir nicht den Scheitel rühren,
Brich sie in Stücke,
Doch ich nehm‘ sie nimmer zurücke.
Er wirft die Krone ins Gras.

Da! Mag sie rosten! In Sonne und Regen.
Was ist mir an dem Zierrat gelegen!
Er nimmt Armbrust und Stecken auf

Eine gute Wehr,
Drei Heller zur Zehr,
Und keine Ehr‘,
Als die mir eingeboren tief innen.
Willst mich so minnen?
Gehst du so mit?

Gänsemagd
So lass uns laufen heimlich und schnelle!
Sie stürzt in seine Arme.

Ich bin dir eigen in alle Zeit!
Sie halten sich an den Händen und laufen zusammen über die Bühne in den Wald rückwärts. Ein Windstoss fährt durch die Bäume, der Rabe schlägt mit den Flügeln, die Gänse drängen sich wild um die Gänsemagd. Sie lässt seine Hand los, wendet sich um und bleibt mit dem Ausdruck starren Schreckens stehen.

Königssohn
Was schreckt dir die Augen weit?
Was wurzelt dich ein?
Wir sind an der Schwelle.

Gänsemagd
Schau den Wald! Er will‘s nicht haben.
Mit allen Zweigen will er mich fassen,
Das sind Arme, die mich umneigen.
Alle Blumen schrei‘n! Schau den Raben.
Und meine Gänslein, die mich nicht lassen.
Ich werd zu Stein!
Sie bricht in die Knie.

Königssohn
Ist ein Zauber in deinen Sinnen, Musst ihm entrinnen!

Gänsemagd
Aber der Boden hält mich fest, In die Sohlen wächst mir die Erde.

Königssohn
Ich verlasse dich, wenn du mich verlässt!
Deine Gänseherde gilt dir besser als ich?

Gänsemagd
will sich emporreissen und bricht wieder zusammen

Ich kann nicht ... ich fürchte mich!

Königssohn
in Empörung ausbrechend

Fürchten ist Schmach!
Bist du verzagt, so hast du gelogen.
Eigen in alle Zeit!
Und nicht einen Pfeilschuss weit
Bist du mit mir gezogen.
Knechtsdirne!
Niedrige Magd!

Gänsemagd
schreit auf, nach einer Pause sehr leise

Gehe, König! Du bist nicht gut!
Hast mich ins Antlitz geschlagen.

Königssohn
Königsblut und Bettelblut
Sollen nicht miteinander wagen.
Die Krone schenkt‘ ich zu deinen Füssen,
Das muss ich büssen
Mit Leiden und Scheiden.
Gehe, so weit der Falke fliegt,
Wehe, so weit der Wind sich wiegt,
Um zu versinnen, was mir gescheh‘n
Mein Herzenswehe.
Und eh‘ nicht, gelöst vom Vaterzelt,
Ein Nachtstern ins Herz deiner Blume fällt,
Sollst du mich nicht wiederseh‘n!
Er stürzt nach rechts rückwärts in den Wald.

Gänsemagd
Wehe! Wehe!
Sie wälzt sich vornüber auf die Erde, schreit, schluchzt und schlägt mit den Händen die Gänse von sich.

Geht! Ihr habt ihn mir genommen!
Sonne, werde blind!
Wald, werde grau!
Alle Blumen zerreiss‘ ich auf der Au,
Wird er nicht wiederkommen.
Wind! Wind! Wind!
Wär ich doch auch ein Königskind!
Sie stürzt zu Boden.

Hexe
von links aus dem Walde rufend

He! TruIIe! Hilf tragen! Geschwind!

Gänsemagd
aufspringend

Grossmutter!
Wird mir die Krone stehlen. Die muss ich verhehlen.
Sie klatscht in die Hände, dann nimmt sie die Krone und läuft damit hinter den Brunnen, wo die graue Gans vorkommt.

Du Graue, du Schlaue,
Verdeck sie, versteck sie,
Und keine Hand Rühr an das goldene Pfand.
Sie hängt der grauen Gans die Krone um den Hals, die sogleich hinter der Hütte verschwindet. Dann läuft sie zum Brunnen und wäscht sich die Augen aus.

Hexe
kommt von links mit gefülltem Körbchen, das sie am Zaun niedersetzt.

Hörst du nicht?
Die Gänsemagd hält die Hand über die Augen.

Hexe
Was soll die Hand auf der Stirne?
Die Hexe schlügt sie ihr mit dem Stock herunter.

Dirne!
Warum sind deine Wangen so blass?

Gänsemagd
stockend

Weil ich sie netzte mit kühlem Nass.

Hexe
Warum ist dein Mund wie Blut so rot?

Gänsemagd
Weil ich ihm rote Beeren bot.
Die Hexe legt der Gänsemagd die Hand auf die Brust.

Hexe
Warum will das Herz dir stille stehn?

Gänsemagd
aufschreiend

Grossmutter! Ich hab einen Menschen gesehn!

Hexe
starrt sie ungläubig an
Einen Menschen!

Hast du im Schlafe gelegen?
Wo wär er gekommen?
Auf welchen Wegen?
Vom Tal? Von der Stadt?
 
Gänsemagd
Vom Hellaberge
 
Hexe
höhnisch
 
Der nie einen Menschen getragen hat.
Künftig sperr‘ ich dich ein in die Stube,
Kommt wieder ein dummer Bube,
Und blinzelst du durch die Scheiben
 
Gänsemagd
leidenschaftlich
 
Grossmutter, ich kann nimmer bei dir bleiben.
Lass mich los! Mich will‘s verbrennen
 
Hexe
erbost
 
Davon rennen!
Mit einem Buhlen grasen! Und wie sie schaut!
Blutheiss über und über! Wart! Junge Braut!
Dreifach bann‘ ich dich fest,
Dass du nimmer den Wald verlässt.
 
Stimme des Spielmanns
rechts aus dein Walde
 
Drei Narren zogen aus,
Um zu suchen ein Hahnenei.
Der eine war lahm, der andere taub,
Der dritte war blind. Hei!
Was meinst du, wie gut die gewesen sind,
Um zu suchen ein Hahnenei?
Hei! Hei! Tandaradej!
Hei! hei, tandaradei!
Um zu suchen ein Ha-ha-ha-hahnenei!
 
Hexe
wütend
 
Ward der Wald zum Jahrmarkt heute?
Die verhassten Menschenleute!
Pest ihnen ins Gebein und Geschwüre!
auf das Bündel deutend
 
Nimm auf, und hinein!
Den Riegel vor! Zu die Türe!

Sie stösst die Gänsemagd vor sich her in die Hütte, schlägt die Tür zu und schliesst das Fenster. Rechts aus dem Wald kommt der Spielmann; er trägt eine Fiedel umgehängt, die Mütze hält er in der Hand und schwenkt sie gegen den Wald zurück.

Spielmann
im Hintergrunde

Vorwärts, Bruder Holzhacker!
Bruder Besenbinder! Geschwinder!
Wir sind am Ziel!
Da steht es, das prangende Hexenschloss.
Er kommt nach links vorn.

Holzhacker
vom Besenbinder geführt, tritt auf

Fress der Teufel mit
Einem Kraut!
Die Knorrenwurzeln! Die scharfen Steine!
Und der liederliche Genoss‘ mit seinem Geigenspiel
Springt voran seine dürren Beine.

Besenbinder
Lieber Bruder, schrei nicht so laut!

Spielmann
auf die Hütte weisend

Nun voran! Kamt ihr zu gaffen,
Oder sollt ihr ein Botenwerk beschaffen?
Pocht an! Ruft die Hexe!

Holzhacker
erschrocken

Die Waldfrau!

Besenbinder
erschrocken

Die weise Frau!

Spielmann
spottend

Der Hase sah einen Jägersmann
Und meint‘, es wären sechse.
Ich grüsse das Handwerk,
Ich sage: Die Hexe!
wendet sich gegen die Hütte

Besenbinder
Lieber will ich pochen,
Eh‘ er noch mehr des Schimpfes gesprochen.
Er geht an die Hütte und pocht ängstlich und leise mit sanft gekrümmtem Finger an die Tür. Gute Frau! Kauft Ihr keine Besen?

Spielmann
Das ist doch wahrlich ein kluger Mann,
Der Hexe bietet er den Besen an.
Der Holzhacker tritt heran, pocht stärker.

Holzhacker
Hochwerte Gevatterin
lauscht

Besenbinder
Nicht Atem von einer Maus.

Holzhacker
Ist niemand im Hüttenhaus.

Spielmann
schiebt sie beiseite

Ihr Tröpfe in eurer Maulwurfsnacht!
Drin sitzt sie und lacht.
Er springt an die Türe, die anderen weichen zurück.

Dreifachen Spielmannsgruss biet‘ ich dir.
Er schlägt dreimal kräftig mit der geballten Faust gegen die Tür.

Waldhexe! Giftmischerin! Schlangenköchin
Öffne mir!
Die Hexe stösst die Türe auf und bleibt in derselben auf ihren Krücken gestützt stehen. Sie ist rot und zornig.

Hexe
Wer schmäht mich mit Spotte?
Müssige Rotte!

Spielmann
auf die Hexe zugehend

Deine schönen roten Augen zünden in mir ein
Liebesfeuer.
Und — ist es ein Wahn?
Ein Zahn, ein gelber, garstiger Zahn!
Ich brenn‘ wie ‘ne nasse Scheuer.
Er kniet nieder.

Hexe
Muss ich dir‘s sagen
Du willst dich frech erzeigen
Und darfst keinen räudigen Hund erschlagen.

Spielmann
O, mir ist gegeben noch mehr.
Erschlägt mir einer die Ehr‘,
Darf seinem Schatten an der Wand
Die Gurgel ich würgen mit einer Hand.
Er steht auf

Das macht stolz.
zu den beiden anderen

Nun redet!
Sperrt nicht bloss die Mäuler auf
In dem süssen Gesicht!

Holzhacker
nach tiefem Atemzug und mehffachem Räuspern

Sintemalen in Hellabrunn, der ehrwürdigen Stadt,
Dieweilen, die nötig hat, mich angeworben,
Weil der alte König gestorben,
Nachdem er begraben
Und ich ein fürtrefflicher Mann,
Der beste Holzhacker im ganzen Bann.

Spielmann
Und weil ein Ochse nicht fliegen kann
Heran mit dem zweiten Gesandten!
Er stösst den Holzhacker beiseite, dann setzt er sich auf den Brunnenrand.

Besenbinder
mit tiefer Verbeugung, dann geschäftig herunterplappernd

Die hochteure Gevatterin mög‘ uns verleih‘n guten Rat,
Den Bürgern von Hellabrunn zum Gewinn,
lnsonders den Rats- und den hohen Herrn,
Und so bitt ich um Entschuld,
Dass ich mich getrau, anzugehn um ihre Huld
Die allerweiseste Frau

Hexe
zornig mit dem Stock aufstossend

Genug, du plappernder Star!
Sagt ihr mir‘s jetzt nicht klipp und klar,
Dann merkt, welcher Wind euch die Schöpfe zerweht.

Spielmann
O ha! Wie schmeckt der Kuchen?
Glaubt‘, ein Gebet lässt sich nicht fluchen!
steht auf und tritt vor die Hexe

Müde ihrer gemästeten Freiheit
Sind die Bürger von Hellastadt.
Korn und Wein in Frieden gedeih‘n,
Die Reichen sind feist, die Bettler sind satt.
Doch sie fühlen sich nicht froh
In der Fülle ihrer Feste.
Es fehlt das Beste.
Jeder hat einen Herd,
Keiner hat einen Thron.
Am zweiten, leise geöffneten Fenster erscheint vorsichtig lauschend die Gänsemagd.

Einen Thron! Den wollen sie erbauen,
Einem Herrscher sich vertrauen,
Einem Königssohn oder Töchterlein.
Doch ein Königsspross muss es sein,
Ein blutgeborener, Kronerkorener,
Stark, freudig und hochgesinnt,
Ein Königskind!
Er erblickt die Gänsemagd am Fenster. Ihre Wangen glühn, ein Strahl der Abendsonne fällt über sie. Er starrt sie an, sie macht blitzschnell eine Bewegung nach den Lippen und verschwindet.

Er fasst sich und fährt fort.

Spielmann
Du Hexe hast einen Sack voll List
Und heimlichem Wissen.
Drum sag‘ uns, wo er zu finden ist,
Der fette Königsbissen.
Er späht vorsichtig in das Fenster der Hütte und schleicht dann hinter die Hütte.

Hexe
finster vor sich sinnend

Geigt er mir da ein Schelmenmärchen?
Ihr sehnt euch nach Banden?

Besenbinder
Wahr ist‘s auf ein Härchen.

Holzhacker
Wir Holzhacker sind einverstanden, Und auch die Flösser.

Besenbinder
Und die Besenbinder.

Hexe
Ihr sucht einen König?
Fürchtet ihn!

Holzhacker
So dürfen wir aber nicht heimwärts zieh‘n.

Besenbinder
flehend

Sag uns ein Wort von süssem Klang!

Hexe
ungeduldig

So macht eure Ohren lang!
Der Spielmann kommt zurück.

Solch Wahrwort mögt ihr den Bürgern sagen:
Wenn morgen die Mittagsglocken schlagen,
Und ihr zum Hellafeste bereit
Auf Anger und Wiesen versammelt seid,
Der Erste, der schlendert zum Stadttor herein,
Sei es ein Schalk oder Wechselbalg,
Der mag euer König sein.
Sie tritt in die Hütte und schlägt die Türe zu.

Holzhacker
reibt sich vergnügt die Hände

Hei, da regnet‘s die gelben Dukaten!

Besenbinder
Mich schmerzt, das Lohngeld geht in drei Teile,
Weil uns der listige Spielmann beraten.

Holzhacker
Ho, dem wird nichts geschenkt.
Er hat sich aufgedrängt.
Und nicht zu unserm Heile.
Das Los zogen du und ich:
Drum pack er sich!

Spielmann
kommt langsam ein paar Schritte vor

Soll ich singen, was ihr euch denkt?
Am nächsten Baum wünscht ihr mich gehenkt.
Geht heim, lasst euch bezahlen,
Teilt euch den Lohn,
Aber trollt euch davon!
Er jagt sie, einen nach dem anderen, in den Wald hinein. Die Sonne verdämmert. Es wird Abend. Die Mondsichel erscheint blass am Himmel. Der Spielmann kommt zurück und geht pfeifend mit grossen absichtlichen Schritten vor der Hütte auf und nieder.

Hexe
steckt den Kopf zum Fenster hinaus

Was packst du dich nicht mit deinen Gesellen?
Was lauerst du hier?

Spielmann
Ich will das Garn einem Vogel stellen,
Einem goldenen Vogel. Ihn sah ich bei dir.
Die Hexe fährt zurück.

Lass heraus das goldene Vögelein!
Oder ich komme hinein!
Die Hexe ballt wütend die Faust und verschwindet vom Fenstee

Spielmann
Hei, hei Tandaradei!
Hei, hei Tandaradei!
Da fand er das Hahnenei!
Die Hexe macht die Türe auf und schiebt die ganz verschüchterte und zitternde Gänsemagd scheinbar liebevoll, aber mit heimlichen Püffen vor sich her

Hexe
Komm, mein Töchterlein, fürcht‘ dich nicht.
leise zu ihr

Trulle, du hast aus dem Fenster gesehn.

Spielmann
die Gänsemagd anschauend

Holdselig, wie mildes Morgenlicht.
Wie sollte der eine Krone stehn!
Sprich zu mir!

Hexe
stösst sie in den Rücken

Sprich, wenn er fragt!

Spielmann
Wer bist du?

Gänsemagd
Ich bin die Gänsemagd.

Spielmann
Im Hexenhaus?
Doch wo bist du her? Vater und Mutter?

Gänsemagd
Hab keine mehr. Grossmutter allein.

Spielmann
Deine Grossmutter?
Wer mag die sein?

Gänsemagd
Da steht sie. Neben mir.

Spielmann
schaut erst sie, dann die Hexe an

Die Hexe? Die wäre Grossmutter dir?
bricht in ein unbändiges Gelächter aus

Du bist frei, und sie sperrt dich ein!
Trau meinem Wort:
Du sollst nicht länger gefangen sein.

Gänsemagd
mit leisen Tränen

Ich kann nicht fort.
Die Zaubersprüche, die bösen,
Die halten mich.
Ich kann mich nimmer erlösen,
Drum weine ich.
Der Königssohn ist vorbeigegangen.
Mit hellen Augen und roten Wangen,
Hat gelacht,
Mich zu seinem Buhlen gemacht,
Wollt mich nehmen mit,
schluchzend

Und ich folgt‘ ihm nit.
Es ist allmählich Nacht geworden, der Himmel ist hell gestirnt.

Spielmann
Hast du den Königssohn gesehn,
Hilf uns ihn finden, dass wir ihn wählen.
Zu Tal und Menschen wollen wir gehn,
mit plötzlicher Eingebung

Dem Königssohn wirst du dich vermählen!

Hexe
Der Königssohn und die Gänsemagd?
Wie‘s dem Spielmann behagt!
Wenn ich dir nicht hätte ein Abschiedssprüchlein,
Deinem Hochzeitsbette ein Totentüchlein.
Merke die Weise,
Sing‘s ihm laut, sag‘s ihm leise:
Sie tritt zwischen Spielmann und Gänsemagd.

Dein Vater, der hat vor sechzehn Jahren
Den frechen Jungherrn erschlagen,
Und die Henkerstochter mit roten Haaren,
Die hat dich im Schosse getragen.
Hatte dem Jungherrn sich verwehrt,
Hat sich dem Henkersknecht beschert
In der Todesnacht,
Eh‘ der Mörder zum Galgen gebracht.
Das Sünderhemd ist dein Vaterkleid,
Der Dirnenkranz ist dein Muttererbe,
Den Halsstrick trägst du als Kettengeschmeid,
Nun, Königssohn, werbe!

Gänsemagd
aufschreiend

Vater! Mutter!
O, euer Leid!
Sie bricht zusammen.

Spielmann
hat sie in seinen Armen aufgefangen, mit gewaltigem Jubel

Zwei Königsmenschen voll Kraft und Gewalt
Gaben dir Atem und Erdengestalt.
Wohl kannt‘ ich die beiden.
Die Henkerstochter, der Henkersknecht
Waren königsecht
In ihrem Lieben und Leiden,
Und so sei es dir heute herrlich gesagt:
Ein Königskind ist die Gänsemagd!

Gänsemagd
atemlos

Ich trage nicht Schande!
Muss nicht erbleichen!
Der Königssohn darf die Krone mir reichen!
Sie rennt hinter dem Brunnen vorbei an die Hütte und klatscht in die Hände.

Du Graue! Du Schlaue!
Dir gab ich sie nieder.
Bring wieder!
zum Spielmann

Du! Du! ich gehe mit dir.
Fort an der Erden Ende!
Ich werde ihn finden,
Sag es mir.
Ach, dass ich ihn fände!
zur Hexe

Du musst mich lösen! Du musst mich lassen!

Hexe
wild

Nein, bis ins Grab werd ich dich fassen.

Spielmann
Willst du ein Königskind dich heissen,
Musst du eigen den Zauber zerreissen.
Tapfer, wer nimmer der Furcht empfunden,
Tapferer, wer die Furcht überwunden.
Die Gänsemagd nimmt der grauen Gans, die hinter der Hütte vorgekommen ist, die Krone ab und rennt damit zum Spielmann.

Spielmann
Noch darfst du‘s nicht wagen, Die Krone zu tragen.
Die Gänsemagd nimmt mit der linken Hand die Krone, mit der rechten reisst sie sich das Tuch vom Kopfe, das Goldhaar fällt vom Scheitel seitwärts wie ein Mantel über sie herunter Sie wirft sich auf die Knie, mit beiden Händen die Krone gen Himmel haltend.

Gänsemagd
Vater! Mutter!
Hier will ich knien!
Bitten! Flehn!
Um Auferstehn!
Wie ihr euch liebtet,
So lieb ich ihn.
Vater! Mutter!
Ein Wunder! Ein Zeichen!
Soll ich ihn wiedersehn?
Ihn erreichen?
Vater! Mutter!
Ihr seht mein Herz entblösst!
Umgebt mich!
Umschwebt mich!
Erhebt mich!
Ein Stern fällt vom Himmel auf die Lilie, welche weit ihren leuchtenden Kelch öffnet. Die Gänsemagd stösst einen Jubelschrei aus, drückt sich die Krone aufs Haupt und springt auf

Erlöst! Erlöst! Erlöst!
Sie stürzt in den Wald, ihr nach die wild aufflatternden Gänse.

Spielmann
Hei, hei, Tandaradei!
Hei, hei, Tandaradei!
Tandaradei! Tandaradei!
So ward das Königskind frei.
Er läuft in den Wald. Die Hexe richtet sich hoch auf ihnen die geballte Faust nachschüttelnd, und schlägt mit dem Stock die Lilie zu Boden. Der Kelch verlischt.

Zweiter Akt

Einleitung zum Zweiten Akt
Hellafest und Kinderreigen
 

Anger in Hellabrunn. Rechts Herberge mit langen Tischen und Bänken, links eine Tribüne aus Brettern, an deren Seite eine junge Linde mit Bank davor. Im Hintergrunde das durch Querbalken verschlossene Stadttor, vor welchem zwei Wächter auf und ab gehen. Vorne auf der Bank sitzt die Wirtstochter und windet eine Girlande. Beim Aufgehen des Vorhangs erklingt schwache Tanzmusik aus dem Hintergrunde. Von links kommt, ausser Atem, mit einem Marktkorb am Arm die Stallmagd. 

Stallmagd
Jungfer, ist das ein Leben in der Stadt!
Vor dem Ratshaus ganze
Haufen zusammengelaufen,
Bis jeder vernommen hat.
Kaum konnt ich über den Marktplatz gehn.
Der Kammschneider liess mich in seinem Laden
Ins Fenster stehn.
 
Wirtstochter
Und kniff dabei dich in die Waden.
Greulich gemein!
 
Stallmagd
Jungfer, müsset nicht hoffärtig sein!
Die Säufer und Fresser,
Die sind auch keck nach Eurem Speck.
 
Wirtstochter
wirft ihr einen Haufen Tannenäste ins Gesicht
 
Da hast‘s auf den Schnabel!
 
Stallmagd
heulend
 
Hö! Die Jungfer hat mir einen Zahn ausgeschlagen! Hö! Hö!
Sie stellt den Korb ab. Halblaut zur Schenkmagd, die mit einer Wasserschaffel aus dem Haus gekommen ist.
 
Die dicke Gret!
Wie sie sich dreht!
Der aufgeputzte Kleiderstock!
Beide beginnen, Tische und Bänke mit Strohwischen abzureiben. Unterdessen tritt der Königssohn vor die Türe, blass und über­nächtigt, das Haar zerzaust; er dehnt sich, reibt sich die Augen und hört dem Gespräch zu.
 
Stallmagd
zur Wirtstochter
 
Ihr werdet wohl selbst den König empfangen?

Wirtstochter
Ei, warum nicht?

Stallmagd
Und kneift der König Euch in die Wangen,
Wollt Ihr ihn nicht auf die Finger hau‘n.

Wirtstochter
Meine Wange ist nicht deine Wade.
Was bei dem Kammschneider arg gemein,
Bei einem König ist‘s Ehr‘ und Gnade.

Königssohn
lächelnd

Das vermisst sich der König selbst nicht zu glauben.

Wirtstochter
wendet sich um und misst ihn von Kopf zu Füssen

Was mengt der Herr sich darein?
winkt die Stallmagd näher

Wer ist das? Gehört der ins Haus?

Stallmagd
Ach! ‘ne arme Laus,
Kam spät zur Nacht.
Haben im Schweinestall ihn untergebracht.

Wirtstochter
Ein schmucker GeselI.

Stallmagd
Mein, das bisschen Fell!
Vergafft Euch nur schnell.

Wirtstochter
Lauf, hole mir noch Garn aus der Stuben.

Stallmagd
im Gehen

Sagt lieber: lass mich allein mit dem Buben.
geht mit dem Korb ab


Wirtstochter
zum Königssohn

Kommt Ihr nicht ein kleines herunter?
Will zur Seite rücken.

Königssohn
springt die Stufen herab und setzt sich neben sie auf die Bank

Gruss und Dank.

Wirtstochter
schaut ihn an

Ihr seht um die Augen krank.

Königssohn
mit leichtem Seufzer

Hatte ein Herzdrücken all die Nacht.
Ist mir ein seltsamer Traum geschehn.
Bin aufgewacht,
Weiss nimmer, was ich gesehn.

Wirtstochter
Wenn Magenträume Schabernack spinnen,
Das Morgenmahl muss sie vergessen.
Wollt nicht essen?

Königssohn
Verlangt mich nicht.

Wirtstochter
Wer wartet, bis er Hunger hat?
ruft der Schenkmagd

Lise, bring ein fett‘ Gericht
Und eine Kanne kühlen Wein.
Die Magd geht ins Haus.

Lockt Euch der Brodem nicht aus der Küche?

Königssohn
Nein, sind gar schwere und dicke Gerüche.
Bin anders gewöhnt.

Wirtstochter
spöttisch

Ihr seid wohl recht fein?

Königssohn
schüttelt den Kopf

Bin kein Schlemmer noch Prasser,
Genügt mir Wasser und ein Bissen Brot.

Wirtstochter
Solche Not ist nur für dürre Schneider.

Königssohn
Seid Ihr so teuer geboren?

Wirtstochter
Wir tragen gewirkte Kleider.
Die Schenkmagd kommt mit einem Holzteller, auf dem dampfendes Schweinefleisch und Kraut gehäuft ist, Zinnkanne und Zinnbecher. Sie stellt alles auf den Tisch.

Wirtstochter
schiebt den Teller dem Königssohn zu

Von der besten Sau, die wir geschlachtet.
Greift zu und schlingt.
schenkt ihm den Becher voll
 
Den Roten trinkt auch kein Bauer.
  
Königssohn
versucht mit der Hand ein Stück Fleisch zu fassen und davon abzubeissen
 
Bring‘s nicht hinein.
Das Fett macht mir übel.
  
Wirtstochter
gibt ihm den Becher, der Königssohn nimmt einen Schluck
 
Trinkt eins.
Wie mundet der?
  
Königssohn
setzt den Becher wieder hin
 
Essigsauer.
  
Wirtstochter
springt wütend auf und haut mit der Hand auf den Tisch
 
So ladet Euch bei Pechkäten ein!
  
Königssohn
steht auf
 
Ich hab Euch verzürnt. Lasst mich bitten.
Komm von fremdem Land und Sitten.
Wir haben ander Nehmen und Wort.
  
Wirtstochter
Ich jagt‘ Euch fort,
Hättet Ihr nicht so schlanken Leib.
Sie geht an seine Seite.
 
«Willst du ein Siebentag fröhlich sein,
Nimm ein jung Weib.»
Kennt Ihr das Sprüche!?
  
Königssohn
Nein.
  
Wirtstochter
nimmt ihn an beiden Händen und zieht ihn nach links hinüber
 
Wollen zum warmen Zeitvertreib
Zur Bank da drüben gehn.
  
Königssohn
schaut sie fragend an
 
Und soll mir bedeuten?
  
Wirtstochter
Mein! Man tut‘s doch nicht grad vor Leuten,
Kann‘s heimlich geschehn.
Wer küsst denn und schreit?
Sie setzt sich und zieht ihn auf die Bank.
 
Königssohn
atmet tief und blickt in den Baum
Das blühet! Ist ja ein Lindenbaum.

Wirtstochter
Ob Linden oder Buchen,
Wollt Ihr einen andern suchen?
Wär nicht der Zeit.
Die Stallmagd kommt mit einer Winde Garn aus der Tür, späht nach den beiden und schleicht leise heran.

Königssohn
emporschauend

Duftest du mir meinen heimlichen Traum?

Wirtstochter
So schaut mich doch an!
Habt Ihr Schneckenblut?

Königssohn
Ob mir das Kränzel noch innen ruht?
grejft in sein Wams

Wirtstochter
legt ihm einen Arm um die Schulter

Was ist‘s, das Euch an mir nicht behagt?

Königssohn
drängt ihre Hand herunter, schaut sie von oben bis unten an und wendet sich ab

O meine holde Gänsemagd!

Wirtstochter
Hört, Junge, ich bin nicht geduldmütig,
Und werd ich wütig,
Zerkratz ich Euch das Gesicht.
Ihr wollt mich verschmähn?

Königssohn
blickt ihr frei in die Augen

Ihr gefallt mir nicht!

Wirtstochter
springt auf und haut ihm eine feste Ohrfeige herunter

Du Hungerrübe, du Rattenknecht,
Meinen Werktagssohlen bist du zu schlecht.
Das kreid‘ ich dir an!

Stallmagd
tritt ihr höhnisch entgegen

Jungfer, wollet das Garn besehn.

Wirtstochter
zerreisst es und wirft es dem Königssohn ins Gesicht

Da, hängt Euch dran!
Sie stürzt wütend ins Haus. Der Königssohn schaut ihr ganz verdutzt nach und reibt sich die Backe.

Königssohn
Solche Ehrfurcht ist mir noch nie geschehn.

Stallmagd
nimmt das Garn vom Boden

Ganz zerfetzt!
Ein hübsches Liebesstündlein.
Doch zuletzt
Bekam Schläge das Hündlein.
Sie verschwindet lachend und tuschelnd mit der Schenkmagd.

Königssohn
steht auf und steckt die Hände in die Taschen

Ei, ist das schwer, ein Bettler sein.
Auch die beiden Torwächter gehen ab, sodass der Königssohn allein auf der Bühne ist.

Hätt‘s nimmer gedacht,
Über eine Nacht
Schaut mir die Welt ganz anders drein.
Hab grosse Lust,
Mit eiligen Beinen heim zu rennen.
Nicht mehr die Finger mir verbrennen.
Fahr wohl, du unholde Hellastadt!
Er wendet sich, bleibt aber nach ein paar raschen Schritten plöt­zlich stehen und greift sich vorne ins Wams.

Oh! Was klemmt mir die Brust?
Er zieht den zerrissenen Kranz heraus. Die Blumen sind frisch und farbig. Er staunt.

Kränzel! Bist ja wie frisch gepflückt!
Kein Blättchen zerdrückt,
Kein Köpfchen matt!
Und flüstern?
Er hält den Kranz ans Ohr.

zart

Geh nicht fort! Geh nicht fort!
Er lässt ihn sinken, steht einen Augenblick in Gedanken und geht langsam nach der Linde zu. Ernst, während er den Kranz ineinander flicht.

Müssen‘s schwache Blumen sagen?
Ich war in Zagen,
In Fürchten gefallen vor Bettlerbeschwerden.
Schäme dich, Junge!
Du willst ein König werden?
Ist mir‘s vergangen, das stolze Lachen.
Tönt mir gar ernsthaft in die Ohren:
Bin ich als Königssohn geboren,
Zum König muss ich mich selber machen.
Aber wie?
Will dienen, dienen ein Jahr!
Und so ich ein guter Knechtknabe war,
Aller Demut Meister worden bin,
Dann hab ich rechten Königssinn.
Hörst du, Kränzel? Ich bleib da.
Ja, ja, ja. Nicken die Blümlein alle, ja!
Er schwingt den Kranz lustig empor, während er nach der Herberge läuft. Während ein Knecht Fässer aus dem Hause herbeischleppt, hört man einen herannahenden Volkshaufen. Die beiden Torwächter stellen sich wieder auf Ein Haufen halbwüchsiger Burschen kommt von rechts.

Einge Burschen
gegen das Tor drängend

Torwächter, macht uns auf!
Macht uns auf!

Die beiden Torwächter
ihren Spiess vorhaltend

Halt! Keiner kommt vor!
während der zweite ein paar Buben von der Mauer herabfegt

Haben die Ratsherrn den Spruch erlassen:
«Nicht Bürger, nicht Bauer
Darf auf der Mauer
Noch vor dem Tore passen.»
Spazierte wohl jeder um Mittag herein
Und möchte als König genommen sein.
Die Burschen ziehen sich murrend zurück.

Burschen
Er kommt doch mit Dienern und Pferden!
Wir sollen nicht die ersten sein!

Andere Burschen und Mädchen herbeieilend

Zum Tanz! Zum Tanz!
Von links kommen Spielleute mit Pfejfen und Dudelsack. Pfeife und Dudelsack fangen an zu spielen. Burschen und buntgeputzte Mädchen tanzen schuhplattelnd im Hintergrunde. Aus der Herberge kommt der Wirt und sieht zu, wie die Mägde Bretter über die Fässer legen.

Wirt
Immer her!
Über die Fässer quer!
Je mehr der Bänke,
Je voller die Schenke.
zur Schenkmagd

Lise! Schütt‘ mir nicht zuviel Wein
Ins Wasser hinein.
Den Abend darf‘s noch weniger sein.
Er setzt sich auf die vorderste Bank.

Stallmagd
mit einem Strohwisch bei der Arbeit

Das ist nun mein Kurzweil,
Zieht der König ein!
Der Königssohn kommt die Stufen herunter schwenkt die Mütze und geht frisch und übermütig auf den Wirt zu.

Königssohn
Frohen Morgen. Herr Wirt!
Möcht mit bescheid‘nem Unterfangen
Wohl zu Eurem Ohr gelangen.

Wirt
Euer Begehr?

Königssohn
Hab mein Wanderrösslein abgeschirrt,
Möcht mich lieber als Knecht verdingen.
Auf Pferd und Hund versteh ich mich prächtig,
Will treu sein und fleissig und löblicher Sitten.

Wirt
Die schönen Sprüche! sind verdächtig.

Königssohn
Macht mir‘s nicht schwer.

Wirt
zuckt die Achseln

Fehlt mir einzig der Schweinehirt.

Königssohn
verblüfft

Der Schweinehirt?

Wirt
Bequemt Euch nicht?
Nun ja, so‘n Jungferngesicht!

Königssohn
sich gewaltsam überwindend

Mag‘s nicht anders gehn, Herr Wirt,
So werd ich wohl auch Eu‘r Schweinehirt.
Er schlägt ein.

Wirt
Es sei!
wendet sich zu den Mägden

Königssohn
geht langsam nach der Linde und kratzt sich gedankenvoll hinterm Ohr

Hab mich redlich und tüchtig verirrt.
Schweinehirt! Ein Schweinehirt!
Die Tanzenden verlieren sich mit den Spielleuten hinter der Szene.

Hinterm Stalltürlein morgen schon,
Zum letztenmal heut der Königssohn!
Er setzt sich auf die Bank, schlingt die Arme rückwärts um den Baum und blickt in die Zweige empor.

Lass die Nachttropfen deiner Zweige
Mir auf die Stirne niederrinnen.
Kann ich den Traum mir rückersinnen,
Wenn ich lausche und schweige?
Er versinkt in Gedanken. Links hinter der Szene ertönt von weitem lautes Geschrei.

Volk
Vivat der Holzhacker!
Vivat der Besenbinder! Hoch!

Wirt
schaut hinüber

Kommen mit Geschrei.

Stallmagd
ebenso

Und seine dreizehn Kinder.
Die Mägde schlagen ein Gelächter auf Der Besenbinder tritt auf hinter ihm wie Orgelpfeifen die dreizehn Kinder im Alter von zwei bis fünfzehn Jahren, alle mit einem passenden Reisigbesen in der Hand. Sie ziehen quer über die Bühne nach vorne links.

Kinder
Ri ra rutsch, wir fahren in der Kutsch‘,
Und wenn wir keine Kutsche ha‘n,
Reiten wir auf Besen ‘ran.
Ri ra ro, der Königstag ist da,
Denn heute kommt der König,
Der König an!

Besenbinder
Wenn die Glocken zwölfe schlagen,
Kommt der Königswagen.
Da springt dann los und singt eu‘r Lied
Recht laut, dass der König euch hört und sieht.
Könnt jetzt unter der Menge laufen
Und eure Besen verkaufen.
Macht nur recht Lärm und Wesen,
Dass sie von eig‘nem Schlag;
Weil heute der Königstag,
So sind es Königsbesen.
Er wendet sich zum Holzhacker, der inmitten eines Handwerkerschwarmes inzwischen angekommen ist.

Kinder
springen und verteilen sich unter die Menge

Kauft Besen! Wer kauft Besen?
Gute Königsbesen!
Kauft Besen! Gute Königsbesen!

Wirt
ist aufgestanden

He, Besenbinder!
He, Holzhacker!

Holzhacker
kommt übermütig heran

Der Wirt! Lebst du auch noch?
Glaub, ich bin noch bei dir angekreidet.
Da!
Er wirft ein Goldstück auf den Tisch.

Wirt
abwehrend

Ist verjährt und drüber. Lass gehn.

Holzhacker
Kann nicht geschehn.
Steht einer erst in Königs Hulden,
Dann wird er stolz und zahlt seine Schulden.

Wirt
wendet sich zurück; der Holzhacker schiebt rasch das Geldstück wieder ein

He! Lise! Vom ungemischten Wein! Und so nehm‘ ich mit Dank den Gulden
sucht unter dem Tisch

Hat der Tisch ein Loch?

Holzhacker
Da lag er doch. Hab mich grad nur umgesehn,
Und musst so‘n Gauner vorübergehn.
So‘n Schuft! Am heil‘gen Königstag!
Erwisch‘ ich den, der kriegt einen Schlag!
Er setzt sich zum Wein. Musik hinter der Szene. Die tanzenden Paare kehren zurück, ihnen voraus die Spielleute, verstärkt durch Laute und Fidel. Allmählich werden Tische und Bänke besetzt, alles trinkt, plaudert und bewegt sich durcheinander. Die Mägde laufen bedienend hin und her, die Wirtstochter kommt heraus und setzt sich zu ein paar jungen Burschen. Nach einer Weile zerstreuen die Paare sich. Während dessen kommt das Töchterchen des Besenbinders nach vorne und tippt den in sich versunkenen Königssohn an.

Kind
Du! Mann!

Königssohn
auffahrend

Wer wagt es ... Doch ja!
Was suchst du, mein Kind?

Kind
Kauf den Besen da.
Ist ein Königsbesen.

Königssohn
Ein Königsbesen?
Mein gutes Mägdlein, das kann ich nicht.
Will dich nicht kränken,
Hab nichts zu schenken.
Gemahnt dein helles Angesicht
An ein ander‘ gar innig holdes.
Er nimmt das Kind in die Arme und küsst es.

Flachsköpfchen, bleib mir ein kleines hier.

Kind
lehnt den Besen gegen die Bank

Spielst du mit mir?

Königssohn
Was denn spielen?

Kind
Den Rosenringel.

Königssohn
Wie geht der?

Kind
fährt mit dem Zeigefinger in der Luft herum

So. Rundum.

Königssohn
Den kann ich nicht.

Kind
Du bist aber dumm.

Königssohn
Musst mich lehren,
Mein blonder Schlingel.

Kind
nimmt ihn an beiden Händen und führt ihn im Kreise herum

Roter Ringelrosenbusch
Hat mein Hemd zerrissen,
Weisses Schnabelgänslein hat
Mich ins Bein gebissen.
Busch darf nicht mehr Rosen tragen,
Weisses Gänslein werd ich schlagen,
Roter Ringelrosenbusch
Der Königssohn bleibt stehen und deckt die Hände über‘s Gesicht.

Es ist noch nicht aus!
Wir müssen uns ducken und rufen: Husch!
Husch!
Er setzt sich mit dem Kind wieder auf die Bank, behält es auf den Knien und spielt mit ihm. Unterdess hört man Stimmen vom Hintergrunde.

Volk
Die Ratsherren kommen!
Die Ratsherren kommen!
Die Ratsherren! Die Bürger! Die Reichen!
Alles erhebt sich von den Stühlen. Von rechts kommen in un­gleichem Zuge die Ratsherren, reich geschmückte Bürger, Frauen und Mädchen und besteigen die Tribüne. Das Volk schwenkt die Mützen, die Mädchen knicksen.

Alle
Der Rat und die Bürger sollen leben,
Weil sie uns heut einen König geben!
Hoch unser Rat und der König!
Hoch unser Rat und der König hoch!
Der Ratsälteste, gebückt, mit schneeweissen Haaren, wird von zwei jüngeren Ratsherren an den Rand der Tribüne geführt.

Ratsältester
leise und kurzatmig beginnend

Liebe und fröhliche Kinder der Stadt

Volk
Lauter! Lauter!

Ratsältester
Wohl habt ihr Recht, meine Stimme ist matt!

Volk
Wir hören das Gras nicht wachsen.

Ratsältester
Vom Rate bin ich der Letzten einer,
Der vor dem alten König gekniet.
Ich schloss ihm die Augen, da er uns schied.
in Erinnerung verloren

Das war ein Guter!
Das war ein Reiner!
Ein strenger Herr!

Volk
Was soll sein Geplärr?

Ratsältester
fortfahrend

Nun liessen wir bei der Waldfrau fragen

Volk
Das soll uns der Holzhacker sagen!

Ratsältester
Nun denn, Holzhacker, tretet vor!
Er setzt sich.

Mehrere Ratsherren
Halte ein jeder Ring und Ruh‘
Und höre der Königsgeschichte zu!
Es wird still. Das Kind springt dem Königssohn vom Schoss, nimmt seinen Besen und läuft unter die Menge. Der Königs­sohn steht auf und erblickt den Holzhacker, der gegen die Tribüne eine unsichere Verbeugung macht. Der Königssohn schaut ihn an, legt die Hand an die Stirne und kommt näher.

Holzhacker
nicht mehr ganz nüchtern

Bürger und Leute, das war eine Fahrt
Durch den Hexenwald!
Wölfe und Bären, gräulich behaart,
Eberschweine von Ochsengestalt,
Von allen Seiten, kreuz und quer
Kamen sie schnaubend daher!

Königssohn
tritt voll Erstaunen heran

Erlaubt, des Wegs bin ich gegangen im Wald,
Und hab Euch von ferne gesehn
Gar gemächlich gehn.
Vor allem der Eine, der lustig sprang,
Und der zur Fidel ein fremdes Liedlein sang,
Von guter Melodei.

Holzhacker
Was will das grüne Kerlchen, was?
Ist noch hinter den Ohren nass.

Schneider
Freilich, der Spielmann war dabei.

Holzhacker
ärgerlich

Euer Spielmann, der ist keinen Wurstkrieg wert.
Übel hat der mit der Hexe gesprochen.

Volk
Flink doch! Was hat sie gesagt?

Holzhacker
Mit dem zwölften Glockenton
Kommt der Königssohn.

Königssohn
unwillkürlich

Der Königssohn?

Besenbinder
Und wird uns allen
Gar wohl gefallen.
Wir wollen ihn lieben
Und hoch verehren.

Volk
Er wird uns allen
Gar wohl gefallen.
Wir wollen ihn lieben
und hoch verehren,
Und was wir wünschen,
Wird er bescheren.

Königssohn
Ein fremder Königssohn zieht hier ein?

Holzhacker
Oder kann auch ein Weibsbild sein,
Gilt uns gleich.

Ratsherren
zart

Das Königskind bekommt unser Reich.

Holzhacker
Und kommt daher gefahren
Auf einem Wagenthron,
In dreimal hundert Jahren
Erzählt man davon.
Und funkelt von Steinen
Und dickem Geschmeide.
Der König lebe hoch! Er lebe hoch!

Kinder
fassen sich bei der Hand und springen lustig im Kreise herum

Ri ra ro,
Nun sind wir alle froh!
Wir kriegen heut ‘ne Kanne Wein
Und brocken Bretzel drein.
Der König lebe hoch!

Königssohn
lacht vor sich hin

Ein Reich will mir‘s in die Tasche regnen?
Heb ich‘s auf? Oder lass ich‘s liegen?

Volk
Er kommt daher auf goldenem Wagenthron.

Königssohn
tritt ganz in den Kreis

Könnt‘ es nicht anderer Weise geschehn?
Kann ein König nicht kommen in schlichtem Kleide?

Wirt
Wie soll man da nur den König ersehn?

Königssohn
Ihr würdet ihn nicht an den Augen erkennen,
Ob er ein Falscher oder ehrlich?

Wirt
zu den Umstehenden

Könnt ihr‘s dem von der Stirne nennen,
Dass er mein Schweinehirt? Schwerlich!

Besenbinder mit Chor
Bequem soll er‘s machen einem jeden,
Wir werden ihm schmeicheln,
Unsere Sprache soll er reden,
Er soll uns streicheln.

Königssohn
mit verhaltenem Zornlachen

Ei, ihr denkt ihn euch nicht schlecht.
Einem Jeden macht er‘s recht.
Eine Puppe, ein Kleiderbalg,
Den ihr am Drahte hebt.
Wenn‘s aber ein König ist,
Der lebt?
begeistert

Zinnende Burgen sollt ihr erbauen,
Ihr sollt nicht ducken in Maulwurfshügeln.
Er zwingt euch, hinauf in die Sonne zu schauen,
Die er erschwebt hat auf breiten Flügeln,
Will Licht euch allen geben,
Euch all‘ zu Königen erheben!
Alles bricht in schallendes Gelächter aus.

Volk
Das ist ein Narr!

Wirt
wischt sich die Lachtränen aus den Augen

Herrgott! Ob einer vor Lachen nicht flennt!

Königssohn
in Verachtung ausbrechend

So schaut, wen ihr als König erkennt!
Die Menge bricht in Lachen aus. Der Königssohn wendet sich durch die höhnende Menge nach rückwärts. Die Wirts­tochter klopft ihrem Vater auf die Schulter und deutet auf den Königssohn.

Wirtstochter
Vater, gib auf den Gauner acht,
Dass er sich nicht aus der Zeche macht!

Wirt
ihm nachrufend

Hört Ihr‘s! Bezahlt!

Königssohn
halb umkehrend

Ich hab‘ nichts verzehrt.

Wirtstochter
tritt dem Königssohn entgegen

Habt Ihr in der Frühe nicht
Ein halbes Schwein gefressen
Mit Kraut und Brühe?
Auch den Wein habt Ihr vergessen.

Königssohn
tritt der Wirtstochter gegenüber

Ich hab‘s nicht begehrt.
Hab gekostet nur mit Mühe
Und sagt‘ Euch Dank.

Wirt
erbost

Ich will keinen Dank,
Ich will meine Batzen!
Auf die Taschen!

Königssohn
zieht lachend die leeren Taschen heraus

Die sind blank.

Holzhacker
Der stahl den Gulden!
Der ist‘s gewesen.

Besenbinder
Der Dieb! Der Betrüger!

Volk
Zechpreller! Zechpreller!

Schneider
Der Dieb! Der Betrüger!

Wirt
Zechpreller! Kein Federlesen!
Ich hack ihn zu Brei!
Prügelei! Prügelei!
 
Holzhacker
Ich spalt ihn in Späne!
 
Besenbinder
Ich feg ihm die Zähne!
Prügelei! Prügelei!
 
Schneider
Ich schneid ihn entzwei!
Prügelei! Prügelei!
 
Volk
Zechpreller! Zechpreller!
Prügelei! Prügelei!
 
Ratsherren und Ratsfrauen
Prügelei! Prügelei!
Alles drängt auf den Königssohn ein, so dass er ganz nach vorne kommt. Er stösst die Ersten mit der Faust zurück. Als er die Hand an den Schwertgriff legt, erdröhnt der erste Glockenschlag. Im Augenblick hält alles inne.
  
Ratsherren
die Arme gebieterisch ausstreckend
 
Die Glocke! Mittag! Haltet inne!
Die Mitte frei für den Königswagen!
Beim zweiten Glockenschlage löst sich das Knäuel, die Menge stürzt nach dem Tore. Beim vierten teilt sich die Menge, dass vom Tore aus eine breite Strasse frei wird. Der Königssohn steht allein vorne, dem Tore den Rücken zuwendend, in starrem, atemlosen Lauschen der Glockenschläge.
  
Königssohn
Atem! Sinne!
So haben im Traum die Glocken geschlagen!
 
Holzhacker
Ich höre schon Huftritt.
 
Besenbinder
Und rollende Räder.
 
Eine Frau
Lasst mein Mädel doch vor!
 
Schneider
Vor will ein Jeder.
 
Königssohn

in wachsender Erregung vor sich hinstarrend

Wird sie erscheinen?
Aus Tau und Morgen?
Mit lichten Schritten
Inmitten der Gänseschar,
Bindet ihr Tüchlein ab, und ihr goldfarben Haar,
Drunter verborgen,
Fällt in langen Schleiern ihr herab.
Mit dem elften Glockenschlage reissen die Wächter die Querbalken des Tores nach links und rechts zurück; mit dem zwölften springt das Tor weit auf; im strahlendsten Sonnenlicht steht die Gänsemagd inmitten ihrer Gänseschar, die Krone auf dem Haupt, die Haare lang herabhängend. Alles starrt sie betäubt und sprachlos an. Langsam schreitet sie, von Lichtglanz umfassen und gefolgt vom Spielmann herein, geht bis in die Mitte der Bühne vor und bleibt stehen, während die Gänse zurückbleiben. Der Königssohn wendet sich in diesem Augenblick um, aufschreiend, indem er die Arme ausbreitet.

Königssohn
Wahr!

Gänsemagd
Mein lieber Knabe, ich komm‘ zu dir.
Hab mir mein Fürchten überwunden
Und einen freudigen Mut gefunden,
Mit Rechten trag ich die Krone hier.
Der Königssohn stürze leidenschaftlich aufjauchzend zu ihr, wirft sich nieder, umklammert inbrünstig ihre Knie.

Königssohn
Der ich mit Sehnen ergeben bin,
Du Liebesverschönte,
Du Sonnengekrönte,
o du meine hohe Königin.
Hier bricht das ganze Volk in wild höhnendes Gelächter ans.

Besenbinder
Die Gänsemagd!
Betrügerin!

Holzhacker
Eine Königin!
Der Bettelgauner, ihr Spiessgeselle!

Stallmagd
Mit nackten Füssen!
Betrügerin!

Schneider
Die Gänsemagd!
Betrügerin!
Wirtstochter Mit Löchern und Flicken!

Wirt
Eine Königin!
Der nasse Vogel!

Spielmann
tritt rechts vor

Mögt vernehmen

Ratsherren
Die Gänsemagd eine Königin!

Ratsfrauen
Die Gänsemagd!

Volk
Die Gänsemagd eine Königin!
Betrügerin! Betrügerin!

Holzhacker
Den werden wir zwicken!

Spielmann
schreiend

Leute, seht ihr denn nicht die Krone?

Holzhacker
Geraubt!

Besenbinder
Gestohlen!

Schneider
Geraubt!

Stallmagd
Gestohlen!

Wirtstochter
Die Spielmannsdirne!

Schneider
Die Spielmannsdirne!
Nun wird es helle!

Wirt
Geraubt!
Kann jeder aufsetzen!

Stallmagd
Die Spielmannsdirne!

Besenbinder
Hat sie hereingeführt uns zum Hohne!

Holzhacker
Hat sie hereingeführt uns zum Hohne!

Ratsfrauen, Ratsherren und Volk
Geraubt! Gestohlen!

Die Vorigen
Reisst vom Leib ihr die schmutzigen Fetzen!

Königssohn
springt auf reisst sein Schwert heraus und nimmt die Gänsemagd schützend in den Arm.

Wag‘ einer, die Königin zu berühren,
Soll er ein Königsschwert verspüren!

Das Volk bricht wieder in unbändiges Gelächter aus.

Wirt
Schaut euch das Königspärchen an!

Schneider
Die Gänsemagd!

Wirtstochter
Und der Bettelmann!

Stallmagd
Und der Gänsehofstaat!

Schneider und Besenbinder
Schaut euch das Königspärchen an!

Stallmagd, Wirt und Holzhacker
Die Gänsemagd!

Wirtstochter, Schneider und Besenbinder
Und der Bettelmann!

Stallmagd
Und der Gänsehofstaat!

Ratsherren und Volk
Schaut euch das Pärchen an!
Die Gänsemagd!
Und der Bettelmann!

Spielmann
bricht sich mit beiden Armen durch den drohenden Haufen Bahn

Ihr Narren, ihr Tölpel, seid ihr so blind?
Erkennt nicht einer das Königskind?

Kinder
aufhorchend, auf den Stufen zur Tribüne

Der König soll leben!
Holzhacker und Besenbinder packen den Spielmann, werfen ihn zu Boden und binden ihn.

Männer, Besenbinder und Schneider
In den Turm mit dir!

Ratsherren
indem sie mit ihren Frauen und Mädchen die Tribüne verlassen

Das Fest ist aus!

Volk
höhnisch

Und die Königskinder?

Ratsherren
Die jagt hinaus!

Volk
Hinaus! Hinaus! Hinaus!
Hinaus mit den Königskindern!
Sie jagen die beiden mit Knüppeln und Steinen zum Tor hinaus.Das Töchterchen des Besenbinders wirft sich weinend auf die Stufen der Tribüne nieder. Der Ratsälteste kommt, von zwei Dienern gestützt, als Letzter herunter. Er bleibt neben dem schluchzenden Kinde stehen.

Ratsältester
Mägdlein, wer wird denn so heulen und schrein?
Was weinst du? Um deinen Besen?

Kind
Ach nein!
Das ist der König und seine Frau gewesen!
Der Ratsälteste geht kopfschüttelnd mit den beiden Dienern rechts vorn ab. Das Kind, nun allein auf der Bühne, geht an das Tor und späht, die Augen mit der Hand gegen die Sonne beschattend, sehnsuchtsvoll hinaus.

Dritter Akt
 
Einleitung zum dritten Akt
„Verdorben gestorben“, Spielmanns letzter Gesang.
 
Die Waldwiese im tiefen Winter. Die Hütte ist gewaltsam beschädigt, die Fenster von Steinwürfen zerbrochen, der Brunnen eingefroren, die Linde kahl. Es schneit ganz leise. Aus dem Astloch der Linde schlüpft eine Turteltaube; sie fliegt auf und pickt ans erste Hüttenfenster. Der Spielmann, Fidel und Bogen in der Hand, öffnet das Fenster und sieht heraus.
  
Spielmann
Meine grauen Täublein! Seid in der Nähe?
Schon an der Zeit? Habt Abendhunger? Bin bereit.
Er schliesst das Fenster. Es flattern noch mehr graue Wald­tauben heran. Der Spielmann, ohne Fidel, tritt aus der Türe und streut Hirsekörner aus einer Schale aus. Die Tauben picken sie eilig auf
 
Fliegt bald wieder heim!
Der Spielmann ist in einen dunklen Mantel gehüllt. Er hinkt und blickt finster und traurig
 
Zu trüb und kalt, weit über Land zu spähn.
Er nimmt die Turteltaube in die Hand und setzt sich auf den Brunnenrand.
 
Hast sie auch nicht gesehn?
In Feld oder Wald, Stein oder Gesträuch
Sah keins von euch die verstoss‘nen Königskinder?
Er setzt die Taube wieder auf den Boden.
 
Und ich werd‘ alt in Warten und Trauer!
Rechts im Walde krachen Schritte. Die Waldtauben flattern auf und davon.
  
Stimme des Holzhackers
Hier, Besenbinder, hier ist die Wende.
 
Spielmann
Ist ja der Rüpel...
 
Stimme des Holzhackers
Nimmt denn der Sündenweg kein Ende?
 
Spielmann
Der Holzhauer.
 
Stimme des Besenbinders
kläglich
 
Das Schneestechen!
Und der Kältebrand!
 
Spielmann
späht in den Wald
 

Auch der zweite Schinder?
Der Besenbinder! Ein Kind an der Hand?
Haben sicher ein Verlangen,
Kämen sonst nicht hergegangen
Zu mir!
Der Besenbinder tritt auf sein Töchterchen an der Hand, hinter ihnen der Holzhacker. Das Kind reisst sich los und läuft dem Spielmann zu.

Kind
Spielmann, Spielmann, wir kommen zu dir!

Spielmann
neigt sich zu dem Kind und zieht es an sich

Du allein
Magst mir wohl willkommen sein.
Dir will ich‘s nie vergessen,
Dass du mir heimlich dein armes Essen
Ans Kerkerfenster getragen hast.
Aber die Beiden?
tritt ihnen mit dem Kind entgegen

Ihr habt den weisen Bürgern der Stadt
So lang mit Lügen zugesprochen

Besenbinder
Bis man dir den Galgen erlassen hat.

Holzhacker
Man hat dir nur ein Bein gebrochen.
Sei froh, ‘s ging dir nicht an Leben und Leib,
Wie dem verdammten Hexenweib.

Besenbinder
Die hat‘s bezahlt, dass sie uns betrogen.

Holzhacker
Hei! Wie sie ins Reisigfeuer geflogen!

Spielmann
Da sie einmal euch nicht gelogen.
Ihr Gänseköpfer, was kamt ihr her?
Die Truhen sind leer.
Eine Totenbahre aus Winterzweigen,
Die flocht ich mir, ‘s ist all mein Eigen.
Begehrt ihr noch?

Holzhacker
Du siehst krumm.
Ein kleiner Trupp Kinder hat sich genähert. Das Kind holt sie herbei.

Besenbinder
Wir sind zu Gutem gekommen.

Holzhacker
In ihrer Milde hat die Stadt dir verziehn.


Kind
Lieber Spielmann, alle Kinder und ich, wir haben
Gebeten, gefleht für dich.

Die anderen Kinder
mit gefalteten Händen

O lieber Spielmann, wir bitten, komm wieder!
Nur einen Klang deiner wonnigen Lieder!

Kind
Kriegst all‘ unsre Fladen und Äpfel und Nüsse.

Die andern Kinder
Kriegst all‘ unsre Fladen und viele Küsse.

Kind
Spielmann, Spielmann, wir bitten gar sehr.
Wir bitten gar sehr.

Die anderen Kinder
Spielmann, Spielmann, wir bitten gar sehr.

Spielmann
Macht ihr mir‘s schwer! Bitter schwer!
Hab mich aber mit teurem Eid
Und vielteurem Leid
Von der Hellastadt abgetan.
Nicht Speis‘ noch Trank,
Nicht Schlaf noch Wachen,
Nicht Leben, nicht Sterben
Steht mir in ihren Mauern mehr an.

Besenbinder
Sei klug, Spielmann, zieh wieder ein.
Seit dem verwünschten Königstage
Ächzen wir in grauer Plage.
Und die Kinder!
In allen Ecken ist ein Erzählen,
Ein Geflüster, ein Verstecken und ein Verhehlen.
Sie gehorchen nimmer,
Schaun uns böse an,
Sagen: Ihr seid schuld daran,
Werden klüger und schlimmer.
Vor dem Wald stehn die andern und passen,
Nur die kleinen haben sich nicht halten lassen.
Das Kind zieht den Spielmann nach der anderen Seite. Da der Holzhacker und der Besenbinder folgen wollen, stampft es heftig auf und drängt die beiden zurück.

Kind
Guter Spielmann
Nicht stören! Geht fort!

Spielmann
Ein heimlich Wort?
Holzhacker und Besenbinder bleiben im Hintergrunde, flüstern miteinander, spähen durchs Fenster in die Hütte und stapfen auf und ab, um sich die Füsse zu warmen.

Kind
Wir glauben‘s und haben‘s fest im Sinn:
Das waren der König und die Königin.
Weisst doch: das Mädchen mit dem Knaben.
Die beiden wollen wir wieder haben.
Führ uns du, und wir ziehen aus
Und bringen die Königskinder nach Haus.

Die anderen Kinder
O führ uns du, und wir ziehen aus
Und bringen die Königskinder nach Haus.
Der Spielmann hebt das Kind ergriffen in seine Arme empor.

Spielmann
O du liebheilige Einfalt du!
Hätt ich nicht mein hinkend Bein,
Längst wär ich gerannt allein
Nach dem König und seiner lieben Frau.
stellt das Kind nieder

Nun aber schau!
Die Flocken fallen, das Wasser eist,
Weil der Winter die ganze Erde greist.
Da finden wir keine Spur
In Feld und Flur.
Lass uns harren in treuem Sehnen.
Bis die Frühlingsquellen sich dehnen,
Das Erdreich zunimmt und lustig wird,
Und der Käfer dir sich ins Flachshaar schwirrt,
Helles Laub auf den jungen Zweigen,
Sonnentage, lang und warm,
Dann wird ins Gebirge steigen
Der alte Spielmann mit dem jungen Schwarm.
Wir werden sie suchen und werden sie finden
Und Lieder singen und Kränze winden.

Kind
Bis zum Maien?

Spielmann
Und Lerchengesang.

Kind
Ist ja noch hundert Jahre lang.

Spielmann
mit dem Blick in die Ferne

Mir ist es schnell.
Hinterm Abendrot
Steht mir mit Winken Gevatter Tod.

Holzhacker
Nun, welche Gnade hat der Gesell?

Spielmann
geht zu den beiden hinüber

Wohl! Mir ist mein Sattel gerecht.
Wer will mir‘s verdenken?
Auf euren Bänken sass ich wahrlich zu schlecht.
Ihr verjagt die Königskinder,
Das gefällt mir nicht.
Eure Kinder will ich nicht vertreiben,
Die mögen immer kommen und bleiben.
kehrt zu dem Kinde zurück

Wir wollen sie holen.

Holzhacker
Zuvor verstatte meinen Sohlen,
Aufzutaun an deinen Kohlen.

Spielmann
achselzuckend

Mögt immer forschen und nasespüren,
besinnt sich

Nur die Fiedel sollt ihr mir nicht berühren.
Er geht in die Hütte.

Holzhacker
winkt dem Besenbinder

Was geht der Graue nochmals hinein?

Besenbinder
Was wohl verschliesst der im heimlichen Schrein?
Der Spielmann kommt mit der umgehängten Fiedel zurück.

Spielmann
Tretet nur ein in den festlichen Saal.
Die Hellaratten frassen ihn kahl.
Er geht mit den Kindern nach rückwärts in den Wald. Holzhacker und Besenbinder gehen an die Hüttentüre, bleiben gleichzeitig davor stehen und stecken die Nasen hinein.

Besenbinder
Hu, ist das finster!

Holzhacker
Hu, ist das dunkel!

Besenbinder
Ich geh hinterdrein.

Holzhacker
Ich geh nicht voran!

Besenbinder
Wer weiss! Sitzt sie drinnen an ihrer Kunkel

Holzhacker
gibt sich einen gewaltigen Ruck und tritt ein

Du Hasenfuss!
Fahr wohl.

Besenbinder
steckt den Kopf nach

Wer ist drinnen, Bruder?

Holzhacker
triumphierend

Ein Mann!
Auch der Besenbinder tritt ein und schliesst die Tür hinter sich.
In der Ferne hört man den Spielmann singen.

Spielmann
Wohin bist du gegangen,
O Königstochter mein,
In treuer Lieb‘ umfangen
Vom trauten Buhlen dein?
Seit du von uns gegangen,
Sind Wald und Fluren leer,
Kein Blümlein will mehr prangen,
Kein Vöglein singen mehr.
Es schneit stärker und verdunkelt den Himmel.

Spielmann
entfernter

Du allerholdest Mägdelein,
Du liebe Königstochter mein,
Dein‘ Hand möcht ich wohl rühren
Ein Windstoss fährt durch die Bäume und verweht den Gesang Es wird ganz still. Über den Berghang kommend erscheint, in ein Bärenfell gehüllt, der Königssohn. Er trägt die Gänsemagd; ihr Haupt liegt auf seiner rechten Schulter. Unten angekommen hält er inne, um zu rasten.

Gänsemagd
hebt den Kopf und sucht, sich loszumachen

Du Lieber!
Lass mich!
Bin nicht mehr krank.
Schwand mir das Fieber.-
Hab Dank!
Und mach mich los!
Endlich!
Die Last ist zu gross!

Königssohn
Du bist flockenleicht,
Ich fühle dich kaum.
Wie der Adler den Flaum
Trag ich dich hin
Mit Wonnespüren.
Setzt sie vorsichtig zu Boden

Nun magst du gehn.
Nun will ich dich führen.
Die Gänsemagd ist in den Mantel des Königssohnes eingehüllt, bleich und leidenschaftlich, erschöpft.

Sie wankt und hält sich an ihn fest.

Gänsemagd
Trugst mich zu lang.
Nun schwindelt mir.
Mein Fuss ist bang
Vor der fremden Erde.

Königssohn
lehnt sie an seine Schulter

Stütze dich mir zur Schulter fest.
Dort steht ein Häuschen.
Sie erhebt den Kopf und blickt um sich.

Gänsemagd
Schau ich im Rund,
Ist mir‘s wie ein Wiederfinden.
Die Hütte, der Brunnen
Dort unter der Linden
Ach!

Königssohn
Mein Lieb!
Verstummt der Brunnen,
Schnee überm Dach,
Kahl die Lindenkrone
Vergib!
Er küsst sie auf die Augen.

Wollen nun forschen,
Ob einer drin wohne.
Sie gehen Hand in Hand mit gesenktem Haupt an die Hüttentür Er pocht an.

Königssohn
Macht auf, gute Leute, das bitten wir.

Holzhacker
öffnet das Hüttenfenster, beschaut misstrauisch den Königssohn, der sich das Fell hochgezogen hat

Was scharrt da? Mensch oder Tier? Euer Begehr?

Königssohn
Fleh Euch sehr:
Einen Bissen Brot,
Einen Tropfen Trank
Für mich und mein Mägdlein,
Das mir krank.

Holzhacker
Weiter verlangt Ihr nichts beschert?
Brot! Wollt euch packen!
Er schlägt das Fenster zu.

Königssohn
sich in Wut aufbäumend

Hund! Oh!

Gänsemagd
Wir sind Bettler!
Sie zieht ihn fort und drängt ihn sanft nach dem Hügel hin.

Gänsemagd
Schau, wie der Stamm der Linde
Den Hügel geschildet vor Schnee und Winde.
Sie bricht einen dürren Zweig und fegt den Schnee vollends weg. Dann setzt sie sich nieder, während er sie sorgfältig einhüllt.

Gänsemagd
Willst du nicht rasten?

Königssohn
Vor Abend müssen wir weiter mühn, Wandern und fasten im Flockenstieben.

Gänsemagd
seufzend

Wären wir in der Höhle geblieben!

Königssohn
schüttelt den Kopf

Die letzten Beeren waren erfroren,
Die letzten Pfeile waren verloren,
Nicht Kraut, nicht Wild mehr im Winterreich.
verzweiflungsvoll ausbrechend

Und der Pfad zur Heimat nimmer zu entdecken!
Der Pfad, der Pfad in mein Königsland,
Zum Mutterherzen, zur Vaterhand!
Den Pfad, den Pfad zu Erb‘ und Thron,
Nicht fand ihn wieder Königssohn!

Gänsemagd
Hat der Winter verweht die Spur,
Warte nur,
sehr zart

Den Maien will ich bitten.

Königssohn
Als ich mit freien, tör‘gen Schritten
Der Königsheimat entflohn allein,
Wie leicht und keck kühnte mein Fuss
Hinweg über Schlucht und Gestein.
Aber zu zwei‘n!
Da ich mit Sehnsucht heimwärts strebte,
Kein Weg mehr zwischen Felsenstücken,
Kein Baum, den Wildbach zu überbrücken,
Die Bergwand steil vor uns aufgemauert,
Ich zagte, ich erbebte,
Dass der Schwindel dich umschauert,
Dass dich Sturzgeröll umsplittern.
Dir sah ich Gefahr und lernte zittern.
Die Gänsemagd umschlingt ihn, sanft abwehrend.

Gänsemagd
Weisst noch das grosse Nest
Aus Moos und Laubgeäst
Mit bunten Gräsern umhangen
Wie wir‘s uns bauten?
Die blauen Fliegen, die schauten.
Hast mir in Blumen gebettet die Füsse.
Sonn‘ oder Mondenlicht,
Wir wussten‘s nicht
Wir sassen und sangen.

Königssohn
mit leiser Glut

Du Tagholde!
Du Nachtsüsse!
Rosen erschlossen
Mir erblüht in der Brust,
Glutüberflossen
Zu dämmernd und innig
Und weicher, tiefheisser Lust!
Muss ich es lassen,
Dass Hunger und Frost
Dich zu Grabe blassen!
Die Gänsemagd springt auf lässt ihr Bündelchen zur Erde gleiten und wirft den Mantel ab.

Gänsemagd
Sieh her, ob mir Hunger die Glieder entziert,
Ob der Frost mich friert
Sie reisst sich die Felle von den Füssen.

Auf nackten Füssen will ich mich schwingen,
Mit roten Lippen will ich dir singen.
Hier stehe ich:
Der Tod kann nicht kommen
Ich liebe dich.
Sie neigt sich mit leichten Schritten vor ihm auf und nieder.

Kommt mein Geselle aus weiter Fremde,
Geht wie ein frischer Sommer daher.
Trägt er ein seidensponnenes Hemde,
Wär ihm ein linnen Hemde zu schwer.
Sie wirft den Kopf weit zurück, ihre Schritte werden rascher und unsicherer. Der Königssohn erhebt sich ängstlich.

Gänsemagd
Sommerschnee und Wintermai
Färben ihn rot und härmen ihn blass,
Das Seidenhemde ward regennass,
Meine Silberspindel brach mir entzwei.
Sie taumelt links vorne zu Boden. Der Königssohn stürzt mit einem Schrei zu ihr und kniet hinter ihr nieder.

Königssohn
Du Eine! Erwache!
Höre mich!
Er hebt sie in seine Arme.

Ich bin‘s! Dein Knabe, der sich dir neigt!
Er horcht an ihrem Munde, dann an ihrem Herzen.

Ein Hauch! Ein Schlag deines Herzens!
Er lauscht.

Es schweigt!

Gänsemagd
richtet sich mit gewaltiger Anstrengung empor

Der Tod kann nicht kommen, Ich liebe dich!
Er nimmt sie in seine Arme und führt sie langsam zum Hügel zurück, während sie die Augen starr nach rückwärts richtet.

Gänsemagd
Er schleicht hinter mir
Vor ihm gehe ich
Gehe und gehe.
Frisst der Hunger, der Frost versteint,
Ich will nicht sterben,
Mein König weint.
Sie sinkt am Stamme der Linde zusammen. Der Königssohn hüllt sie in den Mantel ein, reisst sein Bärenfell ab und hängt es ihr um.

Königssohn
O wehe! Wehe! König!
Auf einem Marterthron!
Er tastet an seinem Gewand herab.

Königssohn
Einst hatt ich Gold, Gestein und Schätze
Dreimal verflucht der Torenmann,
Der nicht herrschen wollt und nicht betteln kann!
Nichts! Nichts!

Sein Blick fällt auf das Bündel.

Die Krone!
Er reisst das Tuch auf und nimmt die Krone heraus.

Gold! Gold!
Wie lachst du mich an mit rotem Leben!

Gänsemagd
Was willst du?

Königssohn
springt vom Hügel herab

Ich zahl‘ mit ihr das Bettelgericht, Das ich vergebens erfleht.

Gänsemagd
ihm nachstürzend

König! Verkauf deine Krone nicht!

Königssohn
Und wär‘s meiner Mutter Gebet,
Dir bring ich Brot!
Er eilt nach der Hütte.

Gänsemagd
umklammert seine Arme

König! Verkauf deine Krone nicht!

Königssohn
Ich sah über dir den Tod!

Gänsemagd
wirft sich vor ihm auf die Knie

König! Verkauf deine Krone nicht!

Königssohn
Verloren hab ich mein Königsrecht,
Da ich verloren dir den Rettungspfad.
Zum Bettler sank ich, zum Knecht.
So will ich mich wieder zum Herrscher sprechen
Mit meiner letzten Königstat:
In Stücken die Krone! In Stücken!
Er bricht die Krone mitten entzwei und starrt die Stücke noch einen Augenblick an. Dann rennt er damit zur Hütte und pocht heftig und ungeduldig an. Die Gänsemagd schlägt aufschluchzend die Hände vors Gesicht und schleppt sich wankenden Schrittes zum Hügel zurück.

Königssohn
Machet auf! Machet auf!

Holzhacker
öffnet zornig das Fenster

Wollt Ihr uns die Tür zerschlagen?

Königssohn
Ich biet Euch ehrlich‘ und guten Kauf,
Gold für Brot und gastmildes Lager.
Er zeigt ihm die halbe Krone.

Holzhacker
gierig

Gold? Lasst sehn!
Wiegt sie in der Hand und ruft in die Hütte zurück:

He, Besenbinder!

Besenbinder
erscheint am Fenster, staubig und berusst

Die Beut‘ ist mager.
Möcht man nicht fluchen!
Hab mich zerschunden
Und nichts gefunden,
Er zeigt verdriesslich ein unscheinbares Holzkästchen mit aufgesprengtem Deckel.

Als unterm Deckensims den alten Kuchen.
Da! Nimms!

Holzhacker
Lass den Trödel!
nimmt das Kästlein und gibt ihm die halbe Krone

Schau, was man uns bietet.

Besenbinder
Ein goldener Brocken?

Holzhacker
Für Obdach und Speise.

Besenbinder
mustert misstrauisch den Königssohn

Guter Freund, hier wird nicht vermietet.

Königssohn
So gebt nur ein Brot,
Mein Mägdlein verhungert!
Holzhacker
deutet auf die andere Kronenhälfte

Wohl, doch nur dem doppelten Preise.
nimmt das Brot aus dem Kästlein

Hier ist ein Laiblein,
Fest und schwer.
Der Königssohn gibt ihm die Krone, entreisst mit der anderen Hand das Brot und rennt damit zum Hügel, während der Holzhacker das Fenster zuschlägt.

Königssohn
Nehmt alles, alles, nur gebt mir her!
Brot bring ich, Brot,
Meinem herzgoldigen Kinde!
Er fällt in Tränen ausbrechend zu ihr nieder.

Nimm doch! lss doch!
Beiss doch hinein!

Gänsemagd
Nicht ich allein.
Du auch!

Königssohn
So gib mir ein Stückchen Rinde!

Gänsemagd
bricht das Brot entzwei

Gar frisch und weich.
Ich teil‘ es in Hälften gut und gleich.
Wenn du nicht nimmst,
Ist mir‘s keine Lust.

Königssohn
will die Hälfte zurückweisen

Deine ist kleiner.

Gänsemagd
drängt sie ihm auf

Du musst! Du musst!
Sie essen beide, jedes den andern auf den Mund schauend und wartend, bis der andere wieder ein Stück abgebissen hat.

Königssohn
Hast schon wieder ein wenig Rot auf Wang‘ und Mund!
Da! Noch das Krümlein! Ist dir gesund.
Wie gut ein Brot, ich hab‘s nicht gewusst,
Da ich‘s schmeckte vor langem.

Gänsemagd
Du irrst, ‘s war gestern.

Königssohn
Gestern! Ach nein.
Die Wolken lagen grau auf dem Moos,
Im Höhlengestein frierend sassest du mir im Schoss.

Gänsemagd
War‘s eine Höhle? Ein Prunkgemach,
Das schimmerblaue Zierraten deckten.
Nur leise brach um Mittag herein die Sonnenfeier,
Wenn wir auf seid‘nen Kissen uns streckten.
Hast du vergessen?

Königssohn
Kann meine Gedanken nimmer ermessen,
Sinkt vor mir ein silberner Schleier.
Er blickt um sich.

Lindentraum? Sonne? Blüten?
Es grünt die Erde?
Der Brunnen murmelt?

Gänsemagd
sieht sich um

Meine Gänseherde hast du wieder verscheucht.
Mir deucht
Kommst du wieder vom Bergessaum?
Bin ich erschrocken.

Königssohn
Nachttropfen tauen dir noch in den Locken,
Weisse Blüten schüttelt der Baum
Wie jung du leuchtest in Duft und Zierde,
Wie staunen dich an meine Knechte und Ritter!
Mir flammt es!
Dich heimzuführen
Begierde
Ich trag dich hinan die breiten Stufen!
Auf das Gitter!
Ich höre sie rufen!
Jauchzen dringt durch das ganze Reich
Komm, o komm, meine Königin!
Er schwankt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu. Sie hat sich mit Aufbietung aller ihrer Kriifte erhoben und stürzt taumelnd in seine Arme. Dann sinken beide in völliger
Erschöpfung am Fusse der Linde nieder

Gänsemagd
Mir ist so müde und wohl zugleich,
Weiss kaum, wo ich bin.
So sommerschläfrig!
So schwer die Glieder!

Königssohn
Mich schwindelt‘s nieder

Gänsemagd
Lass uns ruhn,
Bald wieder zu wachen.
Dann wollen wir fröhlich
Uns heimwärts, heimwärts wenden.

Königssohn
Lass uns ruhn
Dann wollen wir fröhlich uns heimwärts lachen,
Pflücken uns Rosen und Glück in die Hände.

Gänsemagd
Rosen ohn‘ Ende.

Königssohn
Im Brautgemach
Unterm Königsdach
Schlafen wir ein,
Lass mich dich küssen
Und stille sein.

Gänsemagd
Lass mich dich küssen
Und stille sein.
Dicht aneinander geschmiegt, Lippe an Lippe, schlafen sie ein. Die Taube schlüpft aus dem Astloch, flügelt ein paar Mal um die Schlafenden und flattert dann fort.

Gänsemagd
regt sich ein wenig, hebt den Kopf mit halbem Murmeln

Der Tod kann nicht kommen. Ich liebe dich.
Sie sinkt zurück. Der Wind hat sich gedreht und weht von links nach rechts die Schneeflocken über die beiden hin, so dass sie bald unter einer feinen weissen Decke liegen. Der Spielmann kommt rückwärts gehend ans dem Wald, an der Hand das Kind, ein paar kleinere folgen. Er ruft und winkt.

Spielmann
Tapfer, ihr Kinder, voran!
Fürchte nur keines sich.
Hat der Wind sich gedreht, ist‘s ein gutes Zeichen,
Die Wolken werden der Helle weichen.
Holzhacker und Besenbinder treten aus der Hütte.

Holzhacker
halblaut zum Spielmann

He, Spielmann, uns hat der Himmel gesegnet.

Besenbinder
Seid einem Burschen ihr nicht begegnet?
Der hat uns vorgewimmert.

Holzhacker
zeigt die halbe Krone vor

Schau, wie das schimmert!

Spielmann
nimmt das Stück in die Hand und betrachtet es

Ein zerbrochen Rund?

Besenbinder
gibt ihm die andere Hälfte

Lass sehn, ob sich‘s ineinander fügt.

Spielmann
schliesst die beiden Stücke zusammen, aufschreiend

Die Krone! Wo ging der Bettler hin?

Holzhacker
Her mit unsrem sauren Gewinn!

Spielmann
stösst ihn zurück

Die ihr erwuchert um kläglich Brot,
Die Krone verkaufte nur höchste Not!
Königskinder!
Antwortet dem Finder!
nach rückwärts rufend

Königskinder! Königskinder!
Leises Echo vom Gebirge. Die Taube kommt zurück, umkreist den Spielmann und flattert nach der Linde.

Kind
Schau, das Täubchen!

Spielmann
der Taube nacheilend

Täubchen, wenn du den Weg mir weisst
Er sieht die Ruhenden, reisst erst den Mantel, dann das Bärenfell hinweg

Verdorben! Gestorben!
Er wirft sich über sie. Nach und nach kommt eine grössere Schar von Kindern im Alter von drei bis fünftehn Jahren aus dem Walde, die grösseren tragen und führen die kleinen, sie sehen sich neugierig um, schleichen sich dann ängstlich näher, stossen sich mit den Ellenbogen an, drücken sich hinter den Stamm, stecken die Köpfe vor und bilden um den Hügel einen nach vorne offenen Halbkreis. Der Holzhacker und der Besenbinder flüstern miteinander und schleichen sich scheu in die Hütte. Das Schneien lässt nach, über dem Gebirge wird es abendhell.

Spielmann
richtet sich auf

Ihr Kindlein, sie sind gefunden und verloren.
Liebesvereint,
Verhungert im Winterschnee und erfroren,
Kniet nieder und weint!
Die Kinder knien alle nieder. Das Abendrot färbt langsam den Himmel.

Eure Väter haben sie schmachvoll vertrieben,
Ihr zoget aus, sie mit Herzen zu lieben,
Und müsst sie begraben,
So sollen sie endlich ein Königsbett haben.
Holzhacker und Besenbinder sind mit einer Bahre von Tannenzweigen aus der Hütte gekommen und setzen sie in der Mitte der Bühne nieder. Die Kinder schliessen einen Kreis um sie und um den Hügel, während die grösseren Knaben die Leichen auf die Bahre niederlegen und mit dem Mantel zudecken.

Spielmann
Ein Königsgrab hoch über Tal und Strom,
Am Bergeshang unterm Winterdom,
Da sing ich Euch meinen letzten Gesang.
Die Kinder treten auseinander, der Spielmann hebt, hinter der Bahre stehend, die zerbrochene Krone hoch empor und legt sie auf die vom Abendrot umstrahlten Leichen nieder.

Und spielt‘ ich die letzte Melodei,
Dann brech‘ ich meine Fiedel entzwei
Und werf‘ sie den Königskindern ins Grab.
Ihr sollt meine Menschenorgel werden,
In allen Tagen singen und sagen
Das Lied, das der alte Spielmann euch gab,
Von der Erde zum Himmel, vom Himmel zur Erden!
So macht euch sehend ein armer Blinder:
Fühlt aus dem Tode sie auferstehn
Und leuchtend in eure Herzen gehn:
Die Königskinder!

Kinder
Königskinder! Königskinder!
Die grössten Kinder gehen mit der Bahre voran, ihnen folgen die kleinen. Holzhacker und Besenbinder knien nieder und nehmen die Mützen ab. Mit einem wehmütigen Blick auf die Bahre schliesst sich als Letzter der Spielmann dem Kinderzuge an, der sich den Berg hinauf bewegt. Die Abendsonne flammt blutrot und strahlend am Himmel auf

Kinder
verhallend

Königskinder! Königskinder!

 

 
 
 



 
 
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