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| Opernwelt, Januar 2008 |
| Stephan Mösch |
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Über allen Fächern
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«Opernwelt» hatte ihn schon auf dem Cover, als ihn noch keiner kannte. Vor
sieben Jahren sang Jonas Kaufmann den Florestano in Paers «Leonora». Es war
eine Produktion der Oper Zürich, und der Tenor fiel uns damals sofort auf:
«Er gehört ohne Frage zu den begabtesten lyrischen Tenören seiner
Generation. Das dunkel leuchtende Timbre bleibt sofort im Gedächtnis», hieß
es in «Opernwelt» 11/2000. Daran hat sich nichts geändert. Das Debütalbum,
das die Decca mit ihrem neuen Star im Januar herausbringt, bestätigt den
alten Befund.
Bestätigt wird freilich auch, was ich damals mit leichter Sorge schrieb:
Manchmal klinge ein Heroismus durch, der am Stil vorbeigehe. Auf seiner
neuen CD singt Kaufmann Verdis Don Carlos stilistisch nicht viel anders als
die Anrufung der Natur in Berlioz’ «Damnation de Faust». Ob Französisch
(«Carmen») oder Italienisch («La Bohème») macht keinen wesentlichen
Unterschied im Vokalduktus. Massenets «Manon» klingt wie Verismo, was sie
definitiv nicht ist. Das sind die Schattenseiten eines an sich
begrüßenswerten Versuchs: Da will sich jemand von allen Fachschablonen
fernhalten, will zeigen, dass eine deutsche Stimme auch bei Verdi und
Puccini etwas mitzuteilen hat. So war es ja, lang ist’s her, beim großen
Peter Anders oder bei Fritz Wunderlich. An solche Vorbilder knüpft Jonas
Kaufmann an, und das wird ihm niemand übelnehmen. Allerdings vertrauten die
deutschen Tenorlegenden auf schlanken Ton und die Randschwingungen der
Stimme, kurz: auf sicheres Piano. Das tut Kaufmann zu wenig. Sein Piano
klingt nicht wie eine eigene dynamische Kategorie, sondern wie ein
gedrosseltes Forte. Nicht nur bei Massenet wird das zum Problem.
Dass Kaufmanns Stimmqualität zur Extraklasse gehört, steht außer Frage. Wo
Klaus Florian Vogt mit Knabentimbre die eine Hälfte des Publikums betört,
dürfte Kaufmann den Geschmack der anderen Hälfte treffen: als Latin Lover
deutscher Zunge, als der er offensiv vermarktet wird. Die Aufnahmetechnik
der Decca tut ihm freilich keinen Gefallen. Knallig ist das Klangbild von
vorne bis hinten. Viel zu eng klebt die Stimme am Mikrofon. So wird mancher
Nachdruck hörbar, und Resonanzen, die die Stimme im Raum attraktiv machen,
bleiben ausgeblendet. Noch etwas anderes sorgt dafür, dass Kaufmann
akustisch schlechter abschneidet als nötig. Das ist die Sorglosigkeit, mit
der bei dieser CD musikalisch gearbeitet wurde. Offenbar hat niemand den
jungen Tenor darauf aufmerksam gemacht, dass er oft die Vokale verfärbt, um
Lagenwechsel und Dynamik zu kompensieren (besonders bei «La traviata»). Die
Art, wie das von Marco Armiliato geleitete Prague Philharmonic Orchestra
begleitet, streift die Grenze der Fahrlässigkeit. Die Tempi sind durchweg
träge und starr. So schludrig würde man die Punktierungen im Moderato-Teil
der Max-Arie («Freischütz») kaum bei einem Hochschulorchester durchgehen
lassen. Übertroffen wird das von den Holzbläsern im G-Dur Andante-Teil. Wenn
Billigproduktion auf so etwas hinausläuft, torpediert sie das ganze Produkt.
Kein Wunder, dass Kaufmann ausgerechnet als Max keine glaubwürdige Szene
gelingen will. Bei Stolzings Preislied aus den «Meistersingern» begleitet
Armiliato besonders breiig und steif im Tempo; weil Kaufmann die
Kitschgrenze sehr niedrig ansetzt, kommt eine mediokre Schnulze heraus. Die
grandiose «Invocation de la nature» von Berlioz treiben sowohl Sänger wie
Dirigent in falsche Monumentalität. So kann es gehen, wenn eine
Ausnahmestimme sich nicht oder falsch beraten lässt und naiv in die
PR-Maschinerie gerät. Aber das muss ja nicht so bleiben. |
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